Freitag, 20. September 2013

Zweifel

Eine Computergrafik meines zwölfjährigen Sohnes mit dem Titel "ähh"

 "Ist zwifel herzen nâchgebûr, 
  daz muoz der sêle werden sûr." 
  Wolfram von Eschenbach

Eines der unmöglichsten Gefühle ist wohl der Zweifel. Er steht unter Generalverdacht, zum Beispiel im Glaube oder bei der Heilung. Jeweils soll er das eine oder das andere verhindern. Einmal bekam ich unfreiwillig, da lautstark im Nebenraum geführt, ein Telefonat eines Heilers mit einem Klienten mit. Da wurde auf den armen Ratsuchenden eingeredet, dass er doch die Zweifel an den Heilmitteln und Methoden fallen lassen müsse, da diese dem Heilungsprozess entgegen wirken würden. 

Bin ich doch gestern am späten Abend einer überraschend dunklen Vollmondnacht, es regnete auch leis, von meinem Spätdienst zurück ins KleinHäuschen gegangen, und fühlte mich einmal wieder klein und fern von allem Wissen, außerdem schmerzte ein Zahn im Kiefer, der sich an der Wurzel entzündet hatte, und überhaupt, die Welt war groß und schlecht.

Ich zweifelte in diesem nächtlichen Selbstgespräch an allem in mir, an allem, was ich tu und an der Richtigkeit desselben, und daran, dass ich meine Dinge anderen Menschen mitteile, und so oft in einem unzweifelhaften Zustande bin, und mir sicher, dass mein Tun für mich und andere hilfreich sein kann, und dass das alles am Ende doch nicht richtig und hilfreich ist.

"Wenn der Zweifel des Herzens Nachbar wird, dann muss die Seele schwer werden", so übersetze ich mir einmal frei obige Verse von Wolfram von Eschenbach. So ging ich denn zweifelschwer durch die Nacht, und brauchte gar nicht mehr zu denken, denn alles, was ich dachte, richtete den Blick auf das, was mir falsch und nichtig und ungerade vorkam. 

Ist dieser Zweifel nun einer Heilung abträglich? Ist er wirklich der Verhinderer dessen, was sich "Glaube" nennt? Oder ist er einfach nur die vernünftige Ernüchterung, die eintritt, wenn etwas nicht in mir stimmig ist, wenn mein Gespür mir sagt: "Hey, da war etwas unbeachtet, da bist du nachlässig mit dir umgegangen und hast nicht auf dein Inneres gehört".

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, und frage, gibt es irgendwas, was mir begegnet, das nicht letztlich meinem Wohlbefinden dient, meiner Heilung, meinem Annehmen meiner selbst? Ich kann versuchen, unangenehme Situationen zu verstehen, in Gedanken hin- und herwenden, zuhören, sprechen, wieder denken, so lange bis ich in meinem Kopfe ein Verständnis habe. Ich kann aber auch die Situation geschehen lassen und mich ihr nicht widersetzen und schauen, was geschieht. Im ersteren Falle bleibe ich oft an einem Wissen hängen, welches mein Herz nicht erreicht, und trotz allem Verstehens wird mir nicht leichter ums Herz. Im zweiten Falle geschieht es häufig, dass sich die unangenehme Situation auflöst und sich dann ein Verstehen einstellt, welches auch dem Zweifel keinen Hebel mehr gibt.

So ist dann der Zweifel ein hilfreicher Gefährte, der mir zeigen möchte, dass etwas noch nicht zu Ende gefühlt und gelebt und angeschaut wurde. So gesehen ist der Zweifel ein guter Wegbegleiter, wie der Saturn, und seine Schwere, welche er der Seele vermittelt, wird gebraucht, um das Verhaften an Unaufgelöstem zu spüren. 

Dem oben benannten Klienten des Heilers kann ich nur raten, auf seinen Zweifel zu hören. "Hörst du denn nicht den Trommler / der beharrlich in dir schlägt? / Er sagt dir was / und wenn er nicht mehr schlägt / ist es ein Zeichen dafür / dass sich gar nichts mehr bewegt", sang Herman van Veen.

Heute morgen, bevor ich mich an das Schreiben begab, hatte ich ein langes Gespräch mit meiner Liebsten. Wir tauschten uns aus, ich berichtete über meine gestrigen Erlebnisse. In diesem Austausch, der nicht zielgerichtet war, lag dann letztlich der Schlüssel zur Auflösung der Schwere und des Zweifels in mir. Für diesesmal. Wenn der Zweifel wieder kommt, werde ich ihn begrüßen, den treuen Gefährten.





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Kommentare:

  1. Ein Text, der mich sehr berührt. Er regt zum Nachdenken an. Und das ist gut. Nachdenken, egal über was auch immer, ist immer gut. Ich spüre dann, dass ich bin.
    Gruß vonner sinnierenden Grete

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  2. Darüber wird der Dingefinder einmal nachdenken. Aber nicht heut. Siehe den heutigen Eintrag in "Die anderen Seiten",

    liebe Grüße von Jörg

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