Sonntag, 8. September 2013

Die Nesselwindenrose

So fing das an: In einem Beet vor dem kleinen Haus wuchsen zwei Rosen, eine offensichtlich eine wilde, die andere undefinierbar. Diese beiden schickten sich an, das Staudenbeet zu dominieren. Da Rosen, auch ältere Stöcke, in der Regel das Umsetzen gut vertragen, wurden sie zur Pflanzzeit ausquartiert. Sie sollten den hinteren Teil der Terasse dekorieren, wo noch einiges an Platz war.

Dann sind die Zeiten andere, und es kommt dieses dazwischen, und jenes, und noch eine unvorhergesehene Reise, und schon entwickelt der Garten ein Eigenleben. Zum Glück habe ich mich zu einem recht furchtlosen Gärtner entwickelt, was sogenannte Unkräuter betrifft. Ich weiß, dass alles Zugewachsene binnen kurz oder lang wieder in einen annehmbaren Garten verwandelt werden kann. Auch habe ich eine gewisse Laxheit entwickelt und einen gewissen Stoizismus im Hinnehmen des Gegebenen. Nicht immer zur Freude meiner Gartennachbarn. 

Zum Glück begegnen sich unsere Grundstücksgrenzen nicht direkt, es ist jeweils rechts und links zu meinem Garten eine Leerparzelle dazwischen, die auch nicht mehr besiedelt werden. So habe ich genügend Abstand zum Nachbarn, der den Rasen eher englisch möchte und das Gemüse gerne in geraden, sauberen Reihen paradieren lässt. Er ist dem Gartenfrieden sehr zuträglich, dieser Abstand, und so können wir uns unterhalten, ohne dass die unterschiedlichen Auffassungen von Garten unmittelbar in die Gespräche über den Gartenzaun einfließen.

Mir selber ist es mit der Zeit fremd geworden, das Gerade und das Glattgepflegte. Ich lasse die Dinge gerne geschehen und die Pflanzen ineinander wachsen. Ich habe zwar lang genug in der Gartenpflege als Gärtner gearbeitet, um zu wissen, "wie es geht", im Zweifelsfalle sitzt jeder Handgriff, und ich weiß auch, wie was wann wo geschnitten, begradigt und gedüngt wird. Nur ist mein Fokus davon abgewichen. Ich habe auch gerne Zeit für mich und mein Schreiben, und so, wie ich dem inneren Wachstum meiner selbst zuschaue, so schaue ich auch im Außen dem Wachstum zu. 

Interessante Bilder können sich so entwickeln, und die umgepflanzten Rosen blieben denn auch nicht lang allein. Ich durfte denn diesen Spätsommer nach der Rückkehr von der Reise beim Anblick einer blühenden Brennessel verweilen. Wirklich, auf dem ersten Blick waren keinerlei Rosenblätter zu sehen, es gab Brennessel- und Zaunwindenlaub in trauter Eintracht, und aus diesem Dickicht heraus lugte eine rosafarbene Rosenblüte. Ein aparter Anblick, ebenso überraschend wie berührend.

Den besorgten Gartenfreunden unter meinen Leserinnen und Lesern sei gesagt: Auch das im Dickicht versteckte Rosenlaub ist gesund und grün und ohne einen Anflug von Sternrußtau oder ähnlichem. Die Pflanze fühlt sich in dieser Begleitung wohl. Sicher werde ich eingreifen, denn ich weiß, was für ein schlimmer Wucherer die Zaunwinde sein kann, und auch, dass die Brennessel die Tendenz hat, andere Pflanzen, die etwas schwachwüchsiger sind, zu verdrängen. 

Schließlich habe ich als Gärtner die Verantwortung für das Gedeihen der Rose übernommen, es war meine Tätigkeit, welche sie an diesem Standort gebracht hat. Also werde ich sie auch in ihrem Wachstum dahingehend unterstützen, dass sie mit der Wildnis um sich herum leben kann. Das ist mein Eingreifen als Gärtner. Andererseits freue ich mich schon auf den Anblick, der sicher eines Tages entstehen wird, wenn Rose und Zaunwinde in trauter Eintracht aus den Brennesseln heraus ihre Blüten schicken. 

Auf dieses Bild arbeite ich nun hin in unserem Garten.



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Kommentare:

  1. Auf jeden Fall ein wunderbares Bild. Die Grete mag es allerdings selber immer akkurat und ordentlich. Auch im Garten. Da ist sie ganz eigen. Steht rechts vom Tor eine Rose in gelb, muss bei ihr auch links eine stehen. Natürlich auch in gelb. Niemals nicht in einer anderen Farbe. So ist sie die Grete. Aber dennoch erfreut sie sich an verwilderten Gärten.
    Gruß vonner Grete

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    1. Mein Garten ist nicht verwildert. Er ist nur anders.

      Sagt Dingefinder Jörg

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  2. Ich liebe Rosen,
    man Du hast es so gut Jörg,
    ich liebe es wenn es wild wächst...
    Gruß von Ann-Kris

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    1. Ich liebe aber auch Möhren und Gurken, die fanden das wilde Wachstum heuer nicht so schön. Es wird wohl einen Mittelweg geben, und der will gefunden werden,

      liebe Grüße, Jörg

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