Donnerstag, 31. Oktober 2013

Selig nehmen

"Geben ist seliger denn nehmen", dieser Satz ist bekannt, selbst Menschen, welche nicht gerade bibelfest sind. Es scheint auch irgendwie ein geheimes Einverständnis unter den Menschen zu sein, dass dieser Satz eine echte Tugend in sich birgt. Der Gebende, der den Armen gibt, die Reichen, die zwar nicht durch das Nadelöhr in das Himmelreich kommen, doch sich durch seliges Geben einen Teil davon erwerben können. 

Ja, erwerben. Denn: Wenn geben seliger denn nehmen ist, was ist dann mit der Seligkeit der Nehmenden? Müssen sie sich dankbar mit den Brosamen zufrieden geben, welche ihnen gegeben wurden, weil, durch welche Umstände auch immer, sie in die Position der Nehmenden gelangt sind? Und ist der Preis für das Nehmen nicht etwas hoch, wenn dadurch Seligkeit verloren geht? In Zeiten anwachsender Armut und in den Ohren von Hartz IV - Empfängerinnen und - Empfängern muss dieser Satz eigentlich zynisch klingen. 

Kaum jemand ist gerne in dieser Situation des Nehmenden, und muss sich dann noch auf der Unseligeren Seite der menschlichen Gesellschaft wieder finden. Eigentlich ist solcherart Nehmen doch ein Geschenk der Nehmenden an die Gebenden. Wenn die letztlich dadurch mehr Seligkeit erhalten, wer gibt und wer nimmt denn eigentlich?

Mir ist noch kein Mensch begegnet, der nicht irgendetwas zu geben hätte, und sei es ein Lächeln, einen lustigen Witz oder das Wissen, wie man eine festsitzende Schraube löst. Gibt es denn in einer funktionieren menschlichen Gemeinschaft nur die Seligkeit der Gebenden und die, welche nehmen? Selig ist das Nehmen und Geben, und ein jede und ein jeder Nehme und Gebe mit Freuden. Ich nehme mir für heute frei und erfreue mich am milden Herbst und einen lustigen Nachmittag mit meinem Sohn. Der gab mir schon so viel im Leben, dass ich mich als Nehmender wahrlich selig fühle. Und: Es gibt eine Vielzahl Menschen in meinem Leben, bei denen ich so fühle. 




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Mittwoch, 30. Oktober 2013

Aus dem Tierleben: Ziegen





 
                                           Meine Ziege,
                                           wirklich kein dummes Vieh,
                                           liest die Zeitung nicht,
                                           sondern sie frisst die.

                                           Ich denke mir:
                                           so ist recht.
                                           Wenn schon nicht die Wahrheiten,
                                           so ist wenigstens das Papier echt.



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                                       Auch das Tier ist nur ein Mensch,
                                       mit Gedanken, die sich um das Futter drehen,
                                       und um weitres Wohlbefinden,
                                       ohne weiter zu verstehen,

                                       mein Ziegentier, zum allgemeinen Beispiel,
                                       liebt mich innig über alles,
                                       doch im Falle eines Falles
                                       sagt ihr der Futtereimer mehr als viel,

                                       und wenn es sich dann sattgefressen,
                                       wendet es sich wieder dem Spender zu,
                                       legt den Kopf in beide Hände,
                                       schaut: Ich bin bedürftig, willst denn Du?. . .

                                       und ich streichle sie, und denk dabei,
                                       wer von uns beiden ist hier frei?



Mehr "Aus dem Tierleben?" Guckst Du hier:  

Ziegen

Ziegen sind neben dem Hund die Tiere, die sich am frühesten dem Menschen anschlossen. Das ist für mich nicht verwunderlich, sind es doch mit die nettesten Haustiere, die ich mir vorstellen kann. Neugierig sind sie, und dem Menschen zu gewandt. Ein Ziegen haltender Freund sagte mir einmal, dass die Ziegen eher zum Menschen hin gingen, denn vor ihm flüchten. Wenn Ziegen scheu sind, dann werden sie nicht richtig gehalten.

Ich selber durfte Mitte der achtziger meine eigenen Erfahrungen mit Ziegen machen, denn zu dem kleinen Hof in Ostfriesland, welchen wir als Gruppe übernahmen, gehörte auch eine kleine Ziegengruppe, fünf Muttertiere und ein Bock. Mir oblag es, sich um diese Tiere zu kümmern. 

Ziegen leben nicht in Herden, sie leben in Gruppen. Und: Es sind wirklich die Ziegen, welche in Gruppen leben, die Böcke streifen einzelgängerisch durch das Land und treffen die weiblichen Tiere nur in der Paarungszeit. Auch wir hatten den Bock, Pan hieß er, in einem eigenen Stall gehalten. Schon aus dem Grunde, dass er etwas streng roch, und sich das Odeur auf die Milch übertragen hätte. Denn unsere Ziegen waren unsere Milchlieferanten. Wir stellten dann daraus Ziegenkäse her.

Innerhalb der Ziegengruppe gibt es eine Leitziege. In der Zeit, wo ich die Gruppe übernahm, stand dort gerade ein Wechsel ins Haus, die alte Leitdame namens Frieda wurde abgelöst von einer kräftigen Ziegenfrau mit dem Namen Gazelle. Das ging nicht ganz unfriedlich ab, und Frieda zeigte einige Zeit nach der Absetzung Anzeichen von Depression, bis sie sich in ihre neue untergeordnete Rolle eingefügt hatte.

Nachdem ich einige Zeit vom Vorbesitzer der kleinen Gruppe angelernt worden bin, musste ich meine Rolle als neues "Leittier" in der Gruppe finden. Das war nicht ganz einfach. Als ich das erste Mal alleine melkte, bekam ich das zu Spüren. Andauernd hatte ich wieder einen Ziegenfuß im Melkeimer, Frieda machte sich einen Spaß daraus, mich auszutesten. Und während ich immer hilfloser wurde, und das wohl spürbar war, meckerte die ganze Bande fröhlich, ich fühlte mich wie ausgelacht.

Unsere Ziegen kamen nach einem morgendlichen Hütegang in einem Buschland, welches zu unserer Hofstatt gehörte auf die Weide. Wir hatten drei Koppeln, damit die Ziegen immer eine nach und nach abweiden konnten. Auf der mittleren Koppel befand sich, noch einmal durch einen Zaun abgetrennt, der Hühnerstall mit dem dazugehörigen Scharrgehege. 

Ich war noch verhältnismäßig unvertraut im Umgang mit den Tieren, alles war für mich noch neu, als ich eines Abends zum Füttern der Hühner das Scharrgehege durch das Tor im Zaun betrat. Ich schloss hinter mir das Tor, doch wohl nicht genügend. Denn schon nach kurzer Zeit stand hinter mir Gazelle, die mittlerweile die Leitziege war, hinter mir im Scharrgehege und knabberte fröhlich den für die Hühner gedachten Mais. An diesem Tag befand sich die Ziegengruppe auf der mittleren Koppel.

Ich packte Gazelle bei den Hörnern und komplimierte sie aus dem Hühnergehege. Unsere Ziegen waren thüringische Bergziegen, mit Hörnern, und ich fand die "Griffe" am Kopf schon immer praktisch. Ich wandte mich wieder dem Hühnerfüttern zu, doch schon nach kurzer Zeit kam mir Gazelle wieder ins Gehege. Wortwörtlich. Noch einmal packte ich sie, und verfrachtete sie auf die Koppel.

"Dreimal ist Bremer Recht", und so sollte es auch hier ein drittes Mal geben. Nur ließ sich diesmal Gazelle nicht so einfach bei den Hörnern packen, sondern lief immer hübsch rundherum um das Hühnerhaus, und ich wie ein Depp hinterher. Bis ich einfach die Richtung wechselte und ihr entgegen kam. Den Trick kannte sie noch nicht, und so konnte ich sie ein drittes Mal packen.

Ich also mit dem Vieh an den Hörnern hinter mir her auf die Koppel, wir beide waren wohl schon etwas wütend, ich für meinen Fall sicher. Gazelle wohl auch, denn als ich sie los ließ, da stellte sie sich auf die Hinterbeine, ließ einen Schnarchlaut hören und schlug mit den Hörnern nach mir. Da wurde es mir doch zu bunt. Noch einmal packte ich sie, führte sie trotz ihres sich Wehrens zu Boden und fixierte sie mit einem Bein. So hielt ich sie eine Weile, bis meine Wut verraucht war.

Dann ließ ich sie wider los, sie stellte sich auf. Zuerst wollte ich ins Hühnergehege zurück, doch dann machte ich kehrt, denn ich wollte die Sache so nicht stehen lassen. Ich setzte mich in der Hocke vor Gazelle, so dass wir Aug in Auge zu einander waren. Ziegen haben faszinierende Augen mit wunderlichen rechteckigen Pupillen. Etwas Geheimnisvolles liegt darin.

Nachdem wir uns eine Weile angeschaut hatten, begann ich zu reden. Ich erzählte ihr, dass ich das so wirklich nicht wolle, diesen Kampf und Krampf, und dass mir an einem friedlichen Zusammensein gelegen sei. Das alles und mehr redete ich mir von der Seele, während ich Aug in Auge mit der Leitziege dasaß.

Dann ging zurück zum Hühnergehege und streute weiter mein Futter. Ich beobachtete, wie sich Gazelle erneut dem Tor zum Gehege näherte. Ich ging zu diesem Tor, und wieder schauten wir uns an, ich auf dieser Seite, sie auf der anderen. Dann grinste sie mit einem Male, Ziegen können einen wundervoll frechen Gesichtsausdruck annehmen, stupste mit ihren Hörnern an das Tor gemäß dem Motto "Wenn ich wollte, könnte ich", grinste noch einmal, wendete sich und ging ihrer Wege.

Nach diesem Ereignis war ich als "Leitziege" anerkannt, es entwickelte sich ein vertrauensvolles Beisammensein mit den Tieren. Ich hatte sie in mein Herz geschlossen, die liebenswerte Bande. Und beim Melken hatte ich auch keine Probleme mehr.

Nächstens mehr.




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Dienstag, 29. Oktober 2013

Beobachtungen

Der "Viertelmond" zog vorüber, und damit hat sich wieder einmal das Wetter gewandelt, es ist zwar noch mild, doch das Sonnige ist verschwunden. Es ist eine Beobachtung von mir, dass sich um Voll- und Neumond und um die beiden " Viertelmonde" herum das Wetter ändert, wenn es denn wechselt. Nun gibt es genügend Stimmen, die meinen, das eine hätte mit dem anderen nichts zu tun. Dass es manchmal so ist, macht aus diesen Beobachtungen keine Regel, es ist nichts, woraus sich etwas herleiten ließe.

Ebenso wenig, wie es bei Vollmond eine vermehrte Zahl von Gewalttaten gäbe, wie ein Polizist in der örtlichen Zeitung berichtete, das zeige die Statistik. Doch habe ich es häufig erlebt, dass in der Stadt am Abend eine sehr eigene Stimmung und Schwingung war unter den Menschen, wenn es auf Vollmond zu ging. Meine persönliche Beobachtung: Nicht direkt die Vollmondnacht ist die Schwingungsreichste, es ist die Nacht vor Vollmond. 

Ein Bauer, der Bunte Bentheimer Schweine hielt, ging, wenn eine seiner Sauen kurz vor dem Ferkeln stand, immer an den Computer, um den Tidenstand der Nordsee zu erfahren. Wenn die Flut kam, dann kamen die Ferkel, so seine Erfahrung. Er hatte eine innige Beziehung zu seinen Tieren, und diese wiederum lebten teilweise einen Teil des Jahres draußen. 

Bitte fragt mich nicht, ob ich so etwas "glaube". Ich weiß nicht, was ich glaube, ich weiß nicht einmal, ob ich glaube. Doch dieses Mal bin ich in meinen Beobachtungen wieder bestätigt worden, dass um die Mondphasen herum das Wetter wechselt. In meiner Welt ist das dann so, und kurz vor Vollmond benehmen sich die Menschen seltsam anders. Letzteres aber ist kaum greifbar, doch im Austausch mit Menschen erfahre ich, dass es auch andere gibt, die so schauen und fühlen.

Als wir Stadtkinder uns in Ostfriesland in Landwirtschaft übten, gab es jedes Frühjahr das gleiche Problem: Das Heu trocken ein zu bringen. Da konnte ein Tag zu früh oder zu spät mähen die gesamte Ernte verderben. Bei uns im Dorf gab es einen Bauern, wenn der begann mit der Mahd, dann begannen alle anderen flugs genauso. Das lernten wir schnell, auf diesen Bauern zu achten. Er lag immer richtig, selbst in schwierigen Jahren. Und keiner fragte: "Glaubst Du daran?" Woher dieser Bauer das alles so genau wusste, konnte er selbst nicht erklären. Doch Hauptsache, das Heu war trocken im Schober.

Jetzt ist die Zeit des letzten Viertel des abnehmenden Mondes, hin zum Neumond. Alle meine Kräfte bewegen sich nach innen, ich bin nachdenklicher, innengerichteter, auch schneller in Melancholie befangen, wenn etwas nicht so richtig klappt. Manchmal überraschend in Traurigkeit befangen. Doch nie so, dass es wirklich tief in meine Lebensorganisation eingreift, denn ich bin mir ja gewiss: Es geht vorüber, und der nächste aufsteigende Mond kommt bestimmt. 




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Sonntag, 27. Oktober 2013

Als Erinnerung an einen schönen Sommer: Knickgeflüster

Für die nicht im hohen Norden Deutschlands wohnenden unter meinen Leserinnen und Lesern, also all diejenigen, die dort zuhause sind, wo man nicht den lieben langen Tag "Moin" oder "MoinMoin" sagt, eine kurze Erklärung zu dem Wort "Knick". Es bezeichnet bei uns nicht etwa den berühmten Knick in der Optik, sondern um die Feldhecken, meist bestehend aus Weißdorn, Schlehdorn, Krieten und anderen strauchigen Gewächsen, welche hier früher die Felder und Weiden umgaben. Leider ist zu sagen "früher", denn sie wurden weitestgehend abgeschafft. 

Doch an einigen Orten gibt es sie noch, die Knicks. Dort laufen dann alle sieben Jahre die Telefone der unteren Naturschutzbehörde heiß. Denn die fachgerechte Pflege eines Knicks besteht darin, sie alle sieben Jahre "auf Stock" zu setzten. Das heißt, sie dreißig Zentimeter über dem Boden abzusägen. Das sieht martialisch aus und wird auch von der natürlichen Landwirtschaft entfremdeten Menschen so wahrgenommen. Doch die Feldhecken wachsen durch diese Maßnahme um so dichter wieder nach und bieten so einer schutzsuchenden Fauna Obdach. Das Knickholz wurde übrigens früher nicht einfach gehäckselt, sondern die dickeren Aststücke wurden auf Länge gesägt und kamen nach dem Trocknen in den Küchenofen und das Reisig in den Lehmbackofen zum Befeuern für das Brotbacken.

Wenn ich denn als Dingefinder im Sommer und im Herbst die Knicks entlang gehe, um Beeren für leckere Marmeladen zu sammeln, kann es geschehen, dass ich etwas außerhalb der Zeit gerate. Dann höre ich das Knickgeflüster. . .



 
                                            Knickgeflüster


                                         Beere Brom
                                         sagte zu Beere Him:
                                         "Wenn ich
                                           in den Himmel komm,
                                           dann sing ich 
                                           all die frommen Lieder
                                           und komm
                                           als Erdbeere wieder!"

                                       Sagte Beere Him
                                       zu Beere Brom:
                                       "Du weißt,
                                        dass es Himmel
                                        und nicht Brommel heißt!"




 

Der Tick-Takt


"Gefühlt" ist es gerade Sommerzeit. Selbst die Nacht ist mild und eine freundliche Mondsichel illuminiert den erwachenden Garten. Doch das ist sicher nicht mit "Sommerzeit" gemeint. Die "Zeitumstellung" zeigt uns die Willkür, mit der wir regiert werden. Ich denke, bei einer Direktabstimmung würde der Unfug, die Uhr turnusmäßig eine Stunde hin- und her zu verstellen, aufhören. 

Sie zeigt uns jedoch auch etwas anderes: Die Entfremdung des Wesens Mensch von der umgebenden Natur. Als gäbe es nichrt Körperrhythmen und Jahreszeiten- und Tagesrhythmen und noch mehr in einander verwobenes Schwingen, wird einfach getaktet. Der Tag wird getaktet nach dem TickTack der Uhr (Ein Geräusch, das im Zeitalter der Digitalisierung kaum noch jemand kennt), die Schul- und Arbeitszeiten nach diesm Tick-Takt eingerichtet, die Menschen durch Strafmaßnahmen ("Du bist ja wieder zu spät!") so lange einge-nordet, bis sie die Orient-ierung verlieren.

Wohl der und dem, die sich die Zeit etwas freier einteilen können, und den Wecker nicht brauchen. Ganz einfach ist das nicht, denn die Eingriffe in die Lebensrhythmen der Menschen greifen diktatorisch tief in die gesamte gesellschaftliche Organisation ein, und erreichen somit so ziemlich jede und jeden. Und der Widersinn geht ja noch weiter. Las ich doch, dass zum Beispiel in Spanien die Siesta, welche die Mittagshitze mit einer Ruhepause überbrückt, zugunsten eines durchgehenden Arbeitstaktes abgeschafft wurde.

Manchmal hat der ganze Unfug auch erheiternde Erlebnisse zufolge. Einmal hatte ich vergessen, die Uhr schon am Samstagabend von Sommerzeit auf normale Zeit umzustellen. Es war ein sonniger Oktobersonntagmorgen und ich war spät dran. Ich sollte eine Kräuterwanderung leiten. Ich schwang mich aufs Fahrrad und kam hechelnd wie ein Hund kurz vor knapp am verabredeten Treffpunkt an.

Die Gruppe war schon da. Aber sie benahm sich so komisch. Als ich auf die Gruppe zustürmte und eine Entschuldigung loswerden wollte, interessierte das niemanden. Ich wurde in etwa wie ein Ausirdischer angeguckt, was mich sehr irritierte. Es war jedoch gar nicht meine Gruppe, sondern eine fröhliche Wanderschar, die sich an diesem Morgen an dieser Stelle traf. Ich war eine Stunde zu früh.




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