Mittwoch, 4. September 2013

Septemberneumond

"Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, daß Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört."

Sören Kierkegaard (1813 – 1855)

Der Septembermonat nähert sich seiner Neumondnacht. In den von der Stadt entfernteren Gegenden ist diese Nacht von Dunkelheit gesegnet und, wo wolkenlos, lassen sich die Sterne erblicken.

Zeit für Innerlichkeit. Ich musste es erst wieder lernen, die Rhythmen zu erkennen, in denen bei mir Geist und Seele und Körper sich ausschwingen. Meine eigenen Rhythmen und nicht die, welche ich statistisch als Mensch wohl besitzen sollte, und welche mir von vielen Menschen in Wort und Schrift angetragen wurden. Statistisch gesehen haben wir alle Schuhgröße 39. Doch will meinem Fuß nicht jeder Schuh passen.

Ich trage meine mir eigene Sensibilität in mir für die Geschehnisse der äußeren Welt. Wenn mich die Arbeit, getaktet durch acht Stunden von dann bis dann, mit Pause dann und dann, soviele Tage die Woche, so in ihrem Bann hält, dass ich zwar nicht takt- aber rhythmuslos werde, dann kann es geschehen, dass ich "außer mir" gerate. Mich unwohl fühle, gar erkranke.

Erst, als ich mir Arbeitsbedingungen schaffen durfte, welche den mir eigenen Rhythmen und innewohnenden Sensibilitäten mehr entsprachen, konnte ich etwas mehr von den mir Eigenem erspüren. So "nutze" ich die Zeit um Neumond gern, um  in mich hineinzufühlen. Mich mehr nach Innen zu ergehen. 

Die Sache mit Gott, dass ist so eine ganz eigene Sache bei mir. Es war wohl wieder einmal meine Neumondinnerlichkeit, welche mich zum Nachdenken über dieses Thema brachte. Ich bin mir da selber ein Rätsel: Vom Selbstverständnis wohl eher ein Atheist, vor allem, was den Gott der Kirche oder der Moschee betrifft, oder, noch anders, wenn manche mich fragen würde zum "Glauben" an Gott, würde ich eher antworten: Die dreigestaltige Göttin ist mir nicht fremd. Sie ist mir an manchen Tagen und Nächten sogar sehr nahe.

Doch nein: Ich "glaube" ja nicht. Wie könnte ich das? Was ist das denn, "glauben"? Ich versuche, in dieses Wort hineinzuspüren, und empfinde nichts dabei. Manchmal gibt es zwar Tage, da weiß ich irgendwie, dass mir zum Beten zu meinem Gott der Kindheit oder zu meiner Göttin in einer ihrer Gestalten zumute ist, und dann tu ich das einfach, doch mit dem "Glauben", welcher mir wieder letztens ein (wirklich sehr netter und engagierter) Pastor ans Herz legte, hat das herzlich wenig zu tun.

Denn ich glaube ja gar nicht. Da sitzt weder ein netter alter Herr mit weißem Bart auf seinem Thron, von Engelein umflort, wenn ich versuche, mein "Etwas" vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, noch gibt es da eine Affinität zum Vater, zum Sohn, zum Heiligen Geist. Und die Vorstellung, dass ich im Abendmahl den Leib und das Blut Christi zu mir nehme, empfinde ich eher gruselig, kanibalistisch ja. Auch ewiges Leben und ewige Seligkeit, respektive, bei Fehlverhalten, ewige Verdammnis, all das ist mir so fern und fremd wie ein Spiralnebel am anderem Ende des Universums. Auch meine dreigestaltige Göttin hat nichts mit der Trinität zu tun. Manchmal spüre ich im Wirken um mich her die Alte, welche mich in die Erneuerung bringt, und mir Gedanken der Einsicht schenkt, die Neumondin eben, wenn man so will, dann ist es wieder das andere Gesicht der Welt, oder ein ganz anderes, welches sich mir beim Schauen offenbart. 

So ist mein Beten denn auch ein anderes, als das, was ich in den Gottesdiensten vorfinde. Mal ist es ein einfaches Gespräch meiner Kinderseele mit dem Gott meiner Kindheit. (Der kommt dem netten alten Herrn mit weißem Bart schon näher), und dann bitt ich, weil ich etwas mal wieder nicht mag und aushalte, in aller Unschuld. Dann wieder ist meine Seele übervoll von Freude, und ich danke der Göttin für die Schönheit der Welt. Dann wieder: "In tiefster Not schrei ich zu Dir". Halt das, was gerade anliegt.

Womit oder mit wem ich da gerade kommuniziere, das frage ich mich dann gar nicht. Es ist einfach so selbstverständlich, das zu tun, genauso, wie ich mit den Blumen spreche, wenn ich im Garten bin, oder wie ein Automechaniker mit der Schraube flucht, die aber auch gar zu fest sitzt.

Am nahesten kommt meinem Gebet, gerade zu Neumond, noch das, was Sören Kierkegaard im obigen Zitat beschreibt. Nicht selber so viel sprechen, bitten und bereden, sondern dem lauschen, was eine äußere Seele an mich heranträgt. Das kann manchmal auch die Eichelhäherfeder, blau und schwarz gestreift, sein, welche gerade dann vor mir auf dem Pfade liegt, wenn ich in mir eine bestimmte Frage wälze, oder, anders, die Frage sich fragen lasse. Ihr Einlass gewähre, weil sie nun einmal gerade da ist.

Und die Sache mit Gott? Oh, da hab ich etwas Nettes gefunden in der Predigt "Über die Armut im Geiste" von Meister Eckardt:

"Als ich in meinem ersten Ursprung stand, da hatte ich keinen Gott, und da war ich Ursprung meiner selbst. Da wollte ich nichts. Dort verlangte ich nach nichts, denn ich war abgelöst von ihm und ein Erkennender meiner selbst im Genuss der Wahrheit. Da wollte ich mich selbst und sonst nichts. Was ich wollte, das war ich. Was ich war, das wollte ich. Und hier stand ich, abgelöst von Gott und allen Dingen. Aber als ich dann heraustrat aus meinem freien Willen und mein geschaffenes Wesen entgegennahm, da bekam ich einen Gott. Denn bevor die Geschöpfe waren, da war Gott nicht Gott, vielmehr war er, was er war. Aber als die Geschöpfe entstanden und ihr geschaffenes Wesen empfingen, da war Gott nicht mehr Gott in sich selbst, sondern er war Gott in den Geschöpfen."

Und:

"Alles, was je von Gott herkam, ist bestimmt, sein Wesen durch Wirken rein zu entfalten. Die für den Menschen charakteristische Tätigkeit ist Lieben und Erkennen. Nun entsteht die Frage, worin von beidem die Seligkeit vor allem bestehe. Einige Meister lehren, sie bestehe in der Liebe; andere lehren, sie bestehe im Erkennen und im Lieben, und die reden besser. Aber ich behaupte, sie bestehe weder im Erkennen noch im Lieben. Mehr noch: Es gebe ein Eines in der Seele, von dem Erkennen und Lieben herkommen. Es selbst erkennt nichts und liebt nichts – wie das die Kräfte der Seele tun. Nur wer dieses Eine erkennt, der begreift, worin die Seligkeit besteht. Es kennt weder ein Davor noch ein Danach. Es harrt keiner von außen zufällig erfolgenden Ergänzung, denn es kann weder etwas hinzu gewinnen noch etwas verlieren. Es ist so arm, dass es nicht weiß, dass Gott in ihm wirkt. Ja, es ist selber das selbe, das sich selbst genießt wie Gott sich genießt. Daher behaupte ich, der Mensch solle frei und abgelöst stehen. Er soll nicht wissen und nicht erkennen, dass Gott in ihm wirke. Auf diese Weise kann der Mensch Armut besitzen."

Das nehme ich jetzt in meine beginnende Neumondinnerlichkeit hinein und lasse es in meiner Seele wirken. Und schaue, was sich findet.




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Kommentare:

  1. Danke für die Nachdenklichkeit. C.

    Kürzlich (nachdenklich) gelesen:

    "Lehrsatz"
    Einem Besucher, der behauptete, er brauchte nicht nach Wahrheit zu suchen, denn er hätte sie in den Glaubenssätzen seiner Religion gefunden, sagte der Meister: "Es war einmal ein Student, der nie ein Mathematiker wurde, weil er blind den Resultaten glaubte, die er hinten in seinem Mathematiklehrbuch fand und - die Ironie will es: alle Resultate waren korrekt!"

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  2. aus: de Mello "Eine Minute Weisheit", Herder 1986

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  3. Selber nachdenken, ja, das vermag zu Schwebungen und Unvollkommenheiten führen. Doch: "Ohne Unvollkommenheiten wäre die Schöpfung unvollkommen."

    Ich wünsche eine schöne Neumondnacht. Mit klarem Sternenhimmel, denn da sinniert es sich schöner,

    liebe Grüße, Jörg

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  4. Danke Jörg für diese besinnlichen Gedanken, ich hatte gestern ein ähnliches Gespräch... Ende offen.
    Dunkelmond... Ende offen. Es ist, was es ist.

    Liebe Grüße Inna

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  5. Danke Inna

    Ja, es ist, wie es ist. Ich bin so glücklich, dass sich manchmal meine Seele an diese Einfachheit annähert,

    liebe Grüße, Jörg

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