Mittwoch, 25. September 2013

Zeit und Ort


Ein morgendliches Gespräch über eine zurückliegende kritikfähige Begebenheit. Im Nachsinnen darüber, was dort warum geschehen ist, stellte sich heraus, dass die Geschehnisse in einem ganz anderen Rahmen stattfanden, dass sie an einem anderen Ort in einer anderen Zeit sich begaben. Das, was heute an zu Kritisierenden darin zu sehen ist, verhielt sich bei der damaligen Sachlage ganz anders. In der damaligen Situation hatte es seine Richtigkeit und seine Berechtigung. Das war wichtig, herauszufinden, um den Knoten zu lösen, den dieses Geschehniss verursachte. Eine Art Gefühlsknoten, der dann wie eine Geschwulst als Missgefühl in der Bauchdecke sich einnistete. 

Gerade beim Wiederanschauen der vergangenen Situation wurde dieser Knoten wieder spürbar und verursachte ein (berechtigtes) Gefühl der Abwehr. Dadurch, dass der Begebenheit im vergangenen Ort und Zeitraum eine Sinnfälligkeit zugesprochen wurde, dass sie so geschehen durfte ohne nachträgliche moralische Bewertung, dadurch ließ sich im Gespräch der Knoten Verschlingung für Verschlingung lösen.

Das ist vielleicht nicht "heldenhaft", denn der Held in der Sage schaut sich einen Knoten an, nimmt das Schwert und schlägt ihn mit einem Hieb auseinander. Das sieht sehr tatkräftig aus. Besonders, wenn der Knoten unlösbar erscheint. Doch was ihn unlösbar macht, ist das Bewerten, und besonders unlösbar wird er, wenn das Bewerten noch mit Gefühlsinhalten angefüllt wird, die zur Zeit des Entstehens nicht da oder nicht relevant waren.

Das schafft dann ordentlich Zunder für ein Pulverfass in der Gegenwart. Da wehrt sich die eine Seite, mit dem Wissen, seine Integrität bewahren zu müssen, mit dem Wissen, zu sich selbst zu stehen und zu sich selbst "ja" sagen zu müssen, und die andere Seite kämpft mit dem Gefühl, dass da "irgendwas falsch war".

Den Knoten zu zerschlagen hieße dann vielleicht für die eine Seite, unter Türenknallen (symbolisch oder real) den (Gesprächs)Raum zu verlassen. Die heldenhafte Lösung scheint oft die "geradeste", und sicher, gerade, im Sinne von linear, ist sie. Die andere Lösung, Spur für Spur zu folgen, den Windungen der Knotenbahnen mit sensiblen Sinnen nachzufolgen, die kleinen Knoten im Knoten, welche den großen unauflösbar machen, einen nach dem anderen aufzudröseln, das kann als mühselig bis "unmöglich" empfunden werden. 

Doch oft ist es der einzige Weg. Der einzige Weg dahin, sich wieder auf einer neuen Ebene des Wissens und des Verständnisses zu begegnen, der einzige Weg, der Wunde aus der Vergangenheit ihren Stachel zu nehmen.

Dafür braucht es Zeit. Zeit in der Gegenwart. Und es braucht die Bereitschaft zu Frieden. "Recht behalten" ist zwar sehr ehrenhaft, doch es gibt auch die Möglichkeit, loszulassen, zu schauen, zu hören, um nach neuer Anschauung etwas viel schöneres als nur "Recht behatlen" zu bekommen: Die Lösung eines Knotens. 








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Kommentare:

  1. "Der Ort, an dem wir recht haben"

    An dem Ort, an dem wir recht haben,
    werden niemals Blumen wachsen
    im Frühjahr.

    Der Ort, an dem wir recht haben,
    ist zertrampelt und hart
    wie ein Hof.
    Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf,
    wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

    Und ein Flüstern wird hörbar
    an dem Ort, wo das Haus stand,
    das zerstört wurde.

    (Jehuda Amichai)

    LG C.

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  2. Danke für diesen nachdenklich machenden Text.

    "Zweifel und Liebe", wie schön!

    Liebe Grüße, Jörg

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