Dienstag, 20. Dezember 2011

Mein Avalon

Avalon ist nicht nur die Insel im Nebel, die im Nebel versunkene, es ist auch die Insel der Apfelbäume, mithin der Äpfel. In Avalon dürfen die Äpfel gegessen werden. Das unterscheidet diese Insel von manchen anderen Orten. Mein Avalon, meine Insel der Äpfel, fand ich im April des Jahres, in dem in Japan ein mächtiges Erdbeben einen Atomreaktor zum Strahlen brachte. Vielleicht ist gerade dieses Jahr das richtige Jahr gewesen, um die Insel der Äpfel zu finden. Es war an der Zeit.

Nun ist mein Avalon keine Insel in einem Meer, es ist eine Insel am Rande der Stadt, ich muss drei Eisenbahn-  und eine Autobahnbrücke unterqueren, um dorthin zu gelangen. Wenn ich Ausschau halte, zum Beispiel nach Osten, dann erblicke ich einige hohe Windrotoren zur Stromerzeugung, die auf einem renaturierten Müllberg stehen und bei schwachem Wind träge vor sich hin drehen. Nachts lassen sie rote Lichter aufblitzen, in rhythmischen Abständen. In manchen Nächten finde ich das schön.

Wenn ich nicht in meine Tätigkeiten vertieft bin, höre ich ein stetes Rauschen, mal leis und sanft im Hintergrund, mal aufdringlich und fordernd, dass es mich drängt, mich in mein klein Häuschen zu verziehen. Ob laut oder leise, das hat der Wind in seiner Hand, kommt er eher von Süden, dann eben laut. Das ist nicht das Rauschen des nahen Meeres, wie es sich für eine anständige Insel gehören würde, es ist das Rauschen der nahen Autobahn.

Begebe ich mich von meiner Insel Richtung Norden, dann komme ich nach verhältnismäßig kurzer Zeit an eine Hochspannungsleitung, die sehr hoch ist und manchmal etwas Bedrohliches an sich hat, zum Beispiel, wenn sie bei einer hohen Luftfeuchtigkeit ein stets Brummen und elektrisches Summen von sich gibt, deutlich hörbar. Es scheint dann die Luft zu knistern, und ich bekomme ein Ziehen im Kopf, das sich so anfühlt, wie ich mir Migräne vorstelle, wenn ich welche hätte.

Hinter der Hochspannungsleitung, nur einige Schritte weiter, kommt ein Kanal, der den bezeichnenden Namen Maschinenfleet hat. Schnurgerade zieht er sich durch die Marschen, wunderbar gekleidet bis fast zu Kanalmitte mit Teichmummeln und Teichrosen. Ich habe bei meinen Wanderungen an diesem Fleet schon einige Male den Fröschen gelauscht.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Inseln um mich herum sind denn auch keine Feen, Meerwesen, Merline, es sind meist Arbeiterfrauen und Arbeiter aus Walle und Gröpelingen. Auch sie haben sich hier ihre Inseln geschaffen, ihre Gartenzwergidyllen, ihre Kartoffeläcker, ihre grünen Inseln, ihre Kleinstaaten, wo sie selbst regieren. Größtenteils jedenfalls, denn etwas hat auch der Vereinsvorstand mitzuregieren.

Woher weiß ich nun, dass es Avalon ist, was mir geschenkt wurde? Es sind die Apfelbäume. Die haben es mir erzählt. Auf meiner Insel sind elf Obstbäume: Eine frühe Zwetschge, eine späte Zwetschge, eine japanische Birne, Nashi, glaube ich, heißen die, und acht Apfelbäume. 

Kurz nach dem ich meiner Insel begegnete, oder sie mir, oder wir uns, es war noch April, die Apfelbäume blühten freudig, fand ich auf dem Flohmarkt an der Weserpromenade, richtiger gesagt, nach dem Flohmarkt, ein zurückgelassenes Bild in einem schlichten hölzernen Rahmen hinter Glas. Es war ein gezeichneter Apfelzweig mit Blättern und Blüten, es waren die Blüten meines neuen Gartens auf dieser Zeichnung. Signiert ist es mit G. O 1946, was mich sehr berührte: Entstanden ist dieses kleine Kunstwerk im ersten Frühling nach dem großen Krieg.

Ich meine nicht, dass das ein Zeichen war, oder ein Omen, oder ein Symbol für irgendwas, all diese Worte sind unzulängliche Bezeichnungen für einen Vorgang, in dem sich im richtigen Moment das Richtige findet. Es ist der Augenblick, in dem dir die Göttin zuzwinkert, wo dir die Welt sagt, es ist alles okay, es ist alles wie es ist. Und du zwinkerst zurück und lächelst und sagst: Ja, es ist alles okay, es ist alles wie es ist. So kommen die Dinge zu dir. Es gibt diese Augenblicke, wo du weißt. Augenblicke der Weisheit. Es war der Augenblick, in dem ich wusste, dass ich mein Avalon gefunden hatte.

Freitag, 16. Dezember 2011

Was ist das eigentlich, diese "Spiritualität"?



Letztens bezeichnete jemand eine gute Frundin von mir "Esoterikerin". Ich verstand zuerst gar nicht, was er meinte. Dann meinte ich, dass dem nicht so sei: diese Freundin ist keine "Esoterikerin" (Und ich bin kein Esoteriker). Ich kann diesem Begriff nichts abgewinnen, und er löst keinerlei Resonanz in mir aus. Doch wenn mich ein Jemand oder eine Jemandin fragt, was ich eigentlich bin, wie ich meine Erlebniswelt definiere, dann antworte ich oft: "Ich bin im weitesten Sinne spirituell".

Was ist das eigentlich, "spirituell"? Ich denke darüber nach, und komme zu keiner griffigen Antwort. Dass ich mich als einen verbindlichen Teil eines Weltganzen fühle? Dass ich manchmal seltsame Worte an eine Göttin richte, die ich mir als eine dreigestaltige vorstelle? Dass ich manchmal zu meinem Kindergott bete, manchmal aus Dankbarkeit, manchmal aus tiefer Not?

Eigentlich bräuchte ich für mein Selbstverständnis keinerlei Ettiketierungen. Und dass irgendein Mensch nicht "spirituell" sein könnte, kann ich mir auch nicht vorstellen. Für mich ist ein Mensch per se spirituell. So, wie diese Welt eine spirituelle ist.

Aber wenn ich gefragt werde, was das nun sei, da tu ich mich schwer mit der Antwort. Eine Antwort ist für mich schwer, so, als müsste ich jemanden das Gefühl für meine eigene Mundhöhle vermitteln. Sie gehört ganz zu mir, ich kenne sie in- und auswendig, aber ich kann niemanden mitfühlen lassen, wie sie sich anfühlt.