Samstag, 28. September 2013

Es ist nie zu spät. . .

. . . eine glückliche Kindheit zu haben. Dieser Satz von Ben Furman begegnete mir gerahmt und gut sichtbar an der Wand platziert im Arbeitszimmer einer Bekannten. Ich las ihn, und er ließ mich eine Weile nicht mehr los. Ich dachte darüber nach. Im ersten Augenblick stimmte er mich fröhlich und posotiv, doch beim längerem Nachdenken darüber wurde ich verdrießlich. 

Einer dieser Sätze, die aufmuntern sollen, und doch nur übertünchen. Meine Kindheit war keine "glückliche Kindheit", und sie wird es auch nicht werden, wenn ich sie verkrampft versuche umzudeuten. Es erinnert mich etwas an eine Frau, welche ich kannte, und die überall in der Wohnung eine sogenannte "postive Affirmation" gut sicht- und lesbar drapiert hatte. Überall hingen und lagen kleine Zettelchen mit der Aufschrift: "Ich werde in Kürze genügend Geld haben!". Sogar, als ich in der Küche die Besteckschublade aufzog, lag darin so ein Zettelchen. Fakt ist, dass sich diese "Kürze" bis heute hinzieht.

Meine eigene Kindheit hatte ihre glücklichen Stunden, ja. Vor allen wenn ich mit den Eltern und/oder Verwandten im Wald war und Pilze suchte, oder wenn wir Sonntag nachmittag alle zusammen Kanaster spielten. Doch eine unterm Strich "glückliche Kindheit" war das nicht. Als junger Mann dichtete ich:

"Meine Eltern haben mich in dieses Leben gebracht,
es war weder ihr noch mein Wille,
ich hoffe, wenigstens der Akt hat ihnen Spaß gemacht,
was dann kam waren Schläge und Stille,
eine Kindheit aus einsamer Nacht."

Das ist eine Wahrheit über meine Kindheit, die ich weder vergessen, noch verdrängen noch übertünchen möchte. Und: Es ist eine Wahrheit über so viele Kindheiten von Menschen, mit denen ich ins Gespräch komme. Diesen dunklen Aspekt der Kindheit gibt es in fast jeder, einmal mehr, einmal weniger. Erfreulich für die Menschen, die dort ein "weniger" stehen haben.

Mir selber war es ein Ansporn, die Welt zu ergründen, mir Gedanken zu machen über Gewalt, Krieg und wo das her kommt, und ein Ansporn, daran zu arbeiten, dass es damit weniger wird, mit dem Ziel, dass es ganz aufhören mag dami, auch wenn es utopisch erscheint. Und: Nie mehr soll ein junger Mann Verse wie obige schreiben müssen. Daran mit zu arbeiten ist mir wichtig. 

Dass ich die glücklichen Stunden der Kindheit im Herzen bewahrt habe ist ebenso wahr, und diese werden durch das Bewusstseins des Unglückes nicht geschmälert. Sie hatten Auswirkungen auf mein gesamtes Leben als Erwachsener, und noch heute hole ich mir Kraft und Lebendigkeit und Aufatmen nach schlimmen Erlebnissen im Walde. 

Auch sei hier nicht verschwiegen, dass mein Vater die Größe hatte, sich bei dem achtzehnjährigen Sohn zu entschuldigen, dass er ihn als Kind geschlagen hatte. Das ist ein Stück Erlösung, und ich bin ihm sehr dankbar für diese Geste. Da ist Versöhnung möglich, und allein schon das ist heilsam. 

Nein, ich werde durch alle Versöhnung und durch alles Tun keine glücklichere Kindheit bekommen. Doch eine glücklichere Gegenwart allemal. Und darum geht es doch: "Es ist nie zu spät für eine glückliche Gegenwart".




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