Samstag, 14. Januar 2012

Der Garten als Weg

Was wir brauchen, ist eine neue Lust am Körper, am Essen, an der Arbeit mit und am Körper und am Körper eines Gegenübers. „In dieser Welt lebst du in deinem Körper. Liebe ihn!   . . .    Es ist nicht unwesentlich, ob du in dieser Welt gut oder schlecht lebst.“ Und: „Am Anfang war die Lust, dann kamen die patriarchalischen Religionen mit der Last, und dann wurde das Leben schwieriger. Tu was du willst. Entdecke den Körper, in dem du lebst. Belebe ihn neu. Denn die Magie der Mütter ist die Magie des Körpers. Wenn du denkst, du könntest ganz und gar abheben (Erleuchtung usw.), denk daran, dass du in einem menschlichen Körper lebst. Das kann kein Zufall sein.“(Luisa Francia). 

Entdecken wir die dem Körper innewohnende Produktivkraft neu. Es tut gut, mit den Händen zu arbeiten, die warme Erde zu berühren; das rauhe, stachelige, haarige, weiche Unkraut zu zupfen und beim Aufsehen von der Arbeit die Blütensterne zu betrachten; den Brotteig zu kneten, Feuerholz zu sammeln für ein Stockbrot mit den Kindern; den Körper des/der Liebsten mit wissenden Händen zu berühren.

Das dem Körper zugehörende Gefühl ist Glück, und für die, die dieses Gefühl in seiner Ganzheit selten oder gar nicht kennen, kommt es vor wie die reine Glückseligkeit. Ein tiefes, einfaches, in sich ruhendes Glück, welches von Schmerzen und Trauer überlagert werden kann, aber nicht zum Verschwinden gebracht. Diese körpereigene Glückseligkeit ist die Richtschnur für „Falsch“ und „Richtig“, für tun oder nicht tun. Der Körper vermeidet zu Recht Schmerz, denn Schmerz, oder die chronische Form davon, das Leid, ist immer ein Zeichen davon, das „etwas nicht stimmt“. Der Körper möchte das ausbalancieren. Drogen wie Alkohol, Koffein, Nikotin, Haschisch, Morphium sind geeignet, den akuten Schmerz zu lindern. Sie euphorisieren mit mehr oder minder starken Nebenwirkungen. Benutzen wir diese Medikamente bei chronischen Schmerzen, ein Leiden zu mindern, entsteht eine Abhängigkeit: die Sucht.

Der Körper, die ihm innewohnende Körperchemie drängt mit körpereigenen „Endorphinen“ zum Ausgleich, zur Euphorie, zur Glückseligkeit. Das Hineinfließenwollen in diesen Zustand wird man nicht „abstellen“ können. In diesem Zustand ist der Körper ganz und heil und heilig.    

„Lebensmittel müssen auf die Physiologie des Körpers ´passen` und nicht auf Modetheorien. Sie müssen so hergestellt sein, dass jedermann ohne nachdenken essen kann, was ihm schmeckt. Eben so, wie es sich gehört.“ (Aus: Prost Mahlzeit! Udo Pollmer et al) Diese Herstellungsformen können wir wieder lernen, um sie nicht einem anonymen Fabrikbesitzer zu übereignen, um dann mit „Verbraucherschutz“gesetzen zu versuchen unser rumorendes Unbehagen und Misstrauen zu beruhigen. Wir dürfen zurück in die häusliche Produktion gehen, in das sinnliche Erfahren von Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln. Wo wir nicht selber machen können, kennen wir die Produzenten und die kleinen Manufakturen in der Nachbarschaft, in der Region. Wir bewegen uns in sozialen Netzen. Auf persönliche Bekanntschaft ruht unser Vertrauen und nicht auf Auflagen, die umgangen werden können.

Eine Fensterbank und fünf Töpfe mit Kräutern: Basilikum, Kerbel, Petersilie, Schnittlauch und Dill: ein Garten. Der Beginn der Zurückgewinnung der körpereigenen Produktivkräfte. Die erste einfache Kerbelsuppe mit dem Kerbel aus diesem Garten: ein Lächeln. „Ein Weg von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“(Laotse). Der Wunsch nach mehr, der Wunsch, Zeit zu haben für diese ruhige und schöne Arbeit in Haus und Garten: Der Beginn einer neuen Liebe und der Wunsch das Leben neu zu ordnen.

Durch einen Jahrtausende währenden zivilisatorischen Prozess sind wir den körpereigenen Produktionskräften entfremdet worden. „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“. Wählen wir die sanfteren Methoden, um uns in unserem Körper wieder wohlzufühlen. Vieles von dem, was unseren Vorvorfahren instinktiv geläufig war, um das Sich-Wohlfühlen im eigenen Körper zu halten oder wiederherzustellen, ist uns abhanden gekommen. Aber wir können Methoden entwickeln, dieses balancing wieder zu erlernen.

In seinem Buch „Im Anfang war der Wasserstoff“ beschreibt Hoimar von Ditfurth unter anderem, wie sich aus schwimmblasenlosen Meeresbodenfischen die Rochen entwickelten. Um auf dem Meeresboden zu leben ist der Auftrieb einer Schwimmblase nur hinderlich und so entwickelte sie sich bei den Plattfischen zurück. Als nun einige der Bodenbewohner die dritte Dimension des Wasserlebens wieder zurückerlangen wollten, konnten sie nicht einfach wieder eine Schwimmblase bilden. „Es gibt eine Erfahrungsregel, die sogenannte Dollosche Regel – genannt nach dem berühmten belgischen Paläontologen Dollo -, die besagt, dass ein einmal rückgebildetes Organ im Verlaufe der weiteren Evolution niemals wieder von neuem entsteht, auch dann nicht, wenn eine erneute Umstellung der Lebensweise das noch so zweckmäßig oder wünschenswert erscheinen lässt. So kam es, dass die Rochen fliegen lernten. Diese seltsamen Tiere fliegen buchstäblich unter Wasser, wobei sie die äußeren Ränder ihrer abgeplatteten Körper als Schwingen benutzen, in denen fortwährend schlängelnde Bewegungen wellenförmig von vorn nach hinten ablaufen. Es ist ein Fliegen im Zeitlupentempo, denn Wasser ist dicker als Luft. Ein Rochen aber, der nur einen Augenblick aufhört, mit dem Saum seines Körpers zu flattern, sinkt im Wasser sofort nach unten.“

Diese Geschichte vom Rochen ist eine Analogie für den „Wiedereinstieg in den Körper“. Das schöne schwerelose Schweben im Instinkt haben wir uns „abgewöhnt“. Um ähnliches wieder erleben zu können, brauchen wir die aktivere Handlungsweise des (bewussten) „Fliegens“. Es sind viele Methoden entwickelt worden, um sich im uns umgebenden Meer der Lebensenergie wieder adäquat bewegen zu können: Meditation, Massagetechniken, Ernährungslehren, Chakrenarbeit, Körperarbeit, Arbeit mit Farben, Aromen, Klängen und und und.

Auch die Arbeit mit und im Garten ist ein Beitrag dazu. Ein Beitrag, der die Weiterverarbeitung der Gartenprodukte mit einschließt und der darüber hinaus wirksam in das Gefüge der lebendigen Umgebung, der „Umwelt“ eingreift. Und der in inniger Korrespondenz mit der Umwelt und mit dem Kosmos steht.


                   

Kommentare:

  1. Hallo lieber Dingefinder!
    Bei uns ist nur der Balkon als Weg möglich ...
    aber viele Kräuter haben wir dort . Für Tees, zum Kochen und gegebenenfalls zum Sud herstellen um zu inhalieren bei Beschwerden.
    Auf unser " Wohlfühlgefühl " geben wir acht inzwischen, ja . Brauchte Zeit , bis wir darauf kamen und oft gelingt es auch nicht immer.
    Meine Finderine hat sehr interessiert deinen Artikel vorgelesen. Wir bedanken uns dafür
    Dein Peppi
    und liebe Grüße an Casimir

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi, Peppi,

      was heißt denn "nur". Es geht ja auch darum, den direkten Kontakt zu den Dingen zu gewinnen, nicht immer alles über ein irgendwie geartetes Medium zu erfahren. Ich hatte auch nicht immer die Möglichkeit, einen Garten zu bewirtschaften. Ich hab mich dann oft in die Natur begeben um Pilze, Kräuter, Beeren, Nüsse zu sammeln. Das hab ich übrigens von meinen Eltern und Großeltern geerbt. Vielleicht binj ich so auch zum Dingefinder geworden. . .

      Liebe Grüße, D.

      Löschen
  2. Ich freue mich, dass du deinen Weg in unsere Selbstversorger Gruppe in FB gefunden hast Dingefinder, ich habe das Gefühl, dass du eine echte Bereicherung der Gruppe bist. Was ich bei dir lese, gefällt mir. Ich habe vor einigen Jahren einen extremen Schritt in ein völlig unbekanntes Leben gewagt, habe Europa den Rücken gekehrt und lebe nun in Afrika, eine Dachterrasse wartet darauf, zum Garten Eden zu werden, Inch Allah :-)
    Das Schweben übrigens, von dem du sprichst, machen wir beim Tauchen.
    Ich freue mich auch auf deine künftigen Beiträge - PepeMoniChange

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, PepeMoni, von Herzen. Ich bin schon lange "dabei", und ich war in einer Gruppe, in der wir uns fast komplett selbst versorgt hatten, und dann hatte das Leben anderes mit mir vor, und ich sollte vom Land zurück in die Stadt. Hier gibt es jetzt den sich entwickelnden Gemeinschaftsgarten, und gerade gestern Abend hat eine Selbsthilfegruppe von Suchtkranken Menschen sich entschlossen, in der warmen Jahreszeit ihre Meetings hier draußen abzuhalten. So entwickelt sich alls weiter und rückblickend macht alles Sinn. . .

      Garten Eden ist überall, und die Göttin grüßt Allah von Herzen!

      Liebe Grüße, Jörg

      Löschen