Etwas
später in diesem Jahr, dem kühlen Frühjahr geschuldet, blühen
jetzt die Knabenkräuter und andere Orchideen wieder. Die
Knabenkräuter haben ihren Namen wegen der paarigen Wurzelknollen und
deren Ähnlichkeit mit den männlichen Genitalien. Die unterirdischen
Überdauerungsorgane können bei einigen Arten bis zu 20 Zentimeter
Länge erreichen. Jährlich wird eine neue Knolle gebildet, während
die alte abstirbt.
Die
vollsaftigen Knollen wurden früher geerntet und zu Salep
verarbeitet. Frisch geerntet schmecken die Knollen bitter, doch wenn
sie gekocht und danach getrocknet werden, verliert sich das. Gemahlen
wurde daraus auch bei uns ein stärkendes Getränk zubereitet, das,
wen wunderts, im Ruf stand, die männliche Zeugungskraft zu befeuern.
Eine medizinische Wirkung besitzt der Trank jedoch nicht. Gepulvert
geben Salepknollen mit dem 40- bis 50-fachen Gewicht kochenden
Wassers eine steife Gallerte. In der Türkei wird Salep zur
Herstellung von Speiseeis und Milchprodukten benutzt. In Deutschland
sind alle Orchiedeenarten streng geschützt und dürfen nicht
gesammelt werden.
Die bei
uns heimischen Erdorchideen haben so ihre speziellen Ansprüche an
das Habitat. Viele Arten kommen nur auf Kalkmagerrasen vor, die wir
hier in der Umgebung auf dem Hainberg und auf der Weper haben. Und
die Knabenkräuter brauchen für die Keimung der staubfeinen Samen
spezielle Pilze, mit denen sie in Symbiose leben.
Während
Allerweltskräuter wie Bennessel oder Giersch fast überall gedeihen,
brauchen die Habitate der Erdorchideen oft eine besondere Pflege.
Hier werden die Kalkmagerrasen von Schafen und Ziegen beweidet, so
wird verhindert, dass die Standorte verbuschen und die seltenen
Pflanzen, die dort wachsen, nach und nach verdrängt werden.
Vielleicht eine Analogie zu unseren modernen Gesellschaften: Es gibt
Minderheiten, die eines besonderen Schutzes bedürfen, und wir tun
als Gemeinschaft gut daran, diesen auch zu gewähren. Dafür werden
wir dann mit Blüten von anrührender Schönheit und Raffinesse
belohnt.
Hier in
der Umgebung gibt es jetzt wieder einiges zu bestaunen, neben dem oben gezeigten Männlichen Knabenkraut (Orchis mascula) in der rosa Form, auch dieses hier, das Dreizähnige Knabenkraut, Neotinea tridentata:
Auch
unter den Seltenheiten gibt es wiederum Minderheiten. Von der Orchis
mascula, dem männlichen Knabenkraut, gibt es eine weißblühende
Form, die O. mascula albiflora. In der Regel sind die Blüten dieser
Art purpurfarben oder Farbvariationen mit rosa Blüten. Weiße
Exemplare können in praktisch allen größeren Populationen gefunden
werden, jedoch tritt diese Form in einem Verhältnis von etwa 3/1000
auf.

Kein
Knabenkraut, doch auch eine Orchidee: Die Fliegenragwurz (Orchis
insectifera). Auch sie trägt an der Basis zwei Knöllchen.
Interessant jedoch die Befruchtung: Die Blüten ähneln Insekten,
als typische Bestäuber gelten die Männchen einer Grabwespenart
(Agrogorytes mytaceus). Diese werden sowohl durch die Form der Blüte, doch mehr noch durch die Aussendung von Pheromonen (Sexuallockstoffe)
angelockt. Bei den Versuchen, die vermeintlichen Weibchen zu
begatten, wird der Pollen übertragen. Dass männliche Wesen, wenn
sie erst einmal im Begattungsmodus sind, auf allerlei hereinfallen,
ist anscheinend nicht nur auf menschliche Männer beschränkt.