Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 4. August 2023

Fremd blicken mich Vergangenheiten an - Dichter August 1914

 



Fremd blicken mich Vergangenheiten an - Dichter August 1914

Es war die Zeit der Gärung,
und es hatte letztlich in den Krieg gegärt,
Heldenpathos war die neue Währung,
Heldenpflicht der neue Wert.

Die Wenigen, die nicht verehrten,
bekamen Kerker und Zensur
und Wandervögel, die einst unbeschwerten,
fielen aus den Himmeln auf blutige Flur.

Verse aus dem Schützengraben,
aus den Abseiten der Literatur,
und die, welche, ach so jung, dann starben
blieben Fußnote nur.

So viele, die Erneuerung träumten,
Prinz Vogelfrei war dann doch Kriegernatur,
so viele, welche die Verweigerung versäumten
hinterließen eine blutige Spur.

Und Wildgänse rauschten durch die Nacht,
trotzdem alles so sinnlos war.
Was hat denn das falsche Pathos gebracht?
Und wer war letztendlich der Narr?

Das eigentlich war der Beginn der neuen Zeit:
Senfgas und Massensterben. . .
und noch immer sind so viele nicht bereit,
noch immer sind wir die Erben.


Verse aus dem Schützengraben in meinem Blog Dingefinders Lesebuch

Donnerstag, 29. Juni 2023

Rosentraum

 



Rosentraum

I

Lass dir den Morgen nicht nehmen
und nicht die Dankbarkeit,
dein Menschsein ist es,
welches dich Lieder singen lässt,
so wie die Amsel
im Amselsein
den neuen Tag begrüßt

Wir kommen Wir gehen
enge Pforte weites Tal,
lass dir das Morgen nicht nehmen,
und nicht die Dankbarkeit
für das Heute,
wenn du ein Lied hast,
lass es erklingen


II

Doch sei auch die Nacht unser,
wenn sich die Düfte mischen,
und der Rosen zartes Hell
aus den Ahnungen
des graugrünen Laubes winkt,
als seien Sterne gesunken

So wie der Mond steht als geöffnete Schale am Himmel,
und wie Perlen die Sterne,
welche sich in diese Schale senken

Sei auch die Nacht unser,
legen wir uns
in die sanft geöffnete Schale des Mondes,
sie wird unsere Barke unter den Sternen sein


III

Keine Urzeit beschwören
keinem Vergangenem nachträumen,
den Meeren längst entstiegen,
den Wanderungen
dem Unsteten

noch nie halfen
die alten Rezepte
nicht scheuen, vor dem, was ist
nicht wissen von dem, was kommt
Tagwerk-Gebete,
Zeit, des Morgens die Rosen zu sammeln,
in stillem Gedenken
die Wanderer zu grüßen
den Rosenkelch reichen

sub rosa


IV

Himmelstänzerin im Rosenhag,
so still die Morgenfrühen,
so sanft der beginnende Tag,
schon verblassen die Sterne,
die Wolken beginnen zu glühen

Wer in die Himmel tanzend Verglühen vermag,
in derer Herzen senkt sich eine Freiheit hinein,
es grüßen noch die letzten Hollerdolden,
tauchen in auferblühenden Lindenduft ein,
so, ja, so doch zeigt sich auch dieses Leben,
wenn wir, zeitvergessen, uns im Tanze
in diese Himmel bewegen,
und auch die Weltalter bewegen sich still  -

Ein Verlangen erblüht
Ein „Ich will!“ -
woher wir kommen, wohin wir gehen,
das bleibt unerfragt - - -
Wir tanzen - - - wir tanzen - - -
während es tagt

Es liegt Segen über dem Land,
Wolkenfederschwingen,
darin eine Hand,
uns gereicht, sie zu erfassen,
sich beieinander zu halten
während sich die Rosenknospen entfalten - - -


V

Am Ende der Nacht stellte ich selber die letzte Frage:
„Was ist das für ein Lied, welches du singst?“
Sie öffnete die Tür dem beginnenden Tage:
„Es duftet nach Rosen“, sagte die Sphinx


Das Foto zeigt eine Blüte der "Hundertjährigen", wie sie hier genannt wird, eine Albarose, die gerade wieder über und über blüht. (Und von deren stark duftenden Blüten ich, wie jedes Jahr, einige ernten durfte, um Rosensirup zu bereiten.)

Mittwoch, 21. Juni 2023

Aus der Wortwerkstatt: Das also ist der Sommer nun. . .

 



Das also ist der Sommer nun. . .


Das also ist der Sommer nun,
der so lang erwartet war.
Das Jahr hält inne, sich vom Frühling auszuruhn,
die Sonne kocht die Früchte gar.

Es flattern Federgeistchen auf am Wegesrand.
Mädesüß verteilt den Duft von Marzipan.
Der Himmel - lichtblau mit Sammet überspannt:
Alles, so scheint´s, läuft wie gewohnt in seiner Bahn.

Frauen gebären, Säufer saufen, Bauern bauen an.
Nur ich, ich bin der Ungläubige im Dorfidyll.
Krieg ist immer. Nur dieser ist jetzt näher dran.
Im Traume hör ich manchmal einen Schrei. Noch bin ich still.

Krieg und Hunger: Das ist die eigentliche Pandemie,
der Menschheit Weisheit steckt noch in den Kinderschuhn.
Wer weiß, denk ich, vielleicht kommt sie ja nie.
Bin traurig: Das also ist der Sommer nun. . .

Dieses Gedicht schrieb ich vor einem Jahr (2022), viel geändert hat sich wohl seitdem nicht. 

Das Bild „Sommer“ ist von Vincent van Gogh (1853 - 1890)

Donnerstag, 8. Juni 2023

Juniabend

 


Juniabend

Mir steht der Sinn nach Schönem.
Nach Gärten.
Nach Verwöhnen.
Nach milden warmen sanften Winden.
Ich wünsche mir
die unbeschwerten,
die milden warmen sanften Nächte,
die mich in deinen Armen
mit allem Leid versöhnen.

Das Bild ist von Eduard Kasparides (1858 - 1926)

Mittwoch, 24. Mai 2023

Aus der Wortwerkstatt: Unsterblich

 



Unsterblich

Das ist nicht vererblich,
so auf die generative Art,
das ist auch nicht verderblich,
und sicher keine Blasphemie:
dieser Sänger ist unsterblich
so auf seine Art.

Ich sag dir wie:
Immer dann, wenn ich lebe
ganz in der Gegenwart.

Das gelingt mir nicht so häufig,
doch wenn, dann ist das so.
Allem Glauben gegenläufig,
und ohne Grund so lebensfroh.

Regen tropft auf die dunklen Blätter
des Hasels vor dem Fenster,
Maienregenwetter
wäscht von den Blättern die Gespenster
der Vergangenheit.
Mit einem Augenzwinkern
wird die Welt gleich netter,
gerade jetzt, wo Regen rauscht
ist alle Weltunbill so weit
entfernt.

Ich bin es, der dem Regen lauscht,
und meine Seele ist besternt.

Das lässt sich nicht übertragen
auf irgendwen auf irgendwas,
drum stellt mir keine Fragen,
die Haselblätter sind vom Regen nass. . .

(Das Foto ist von einer alten Postkarte aus Fredelsloh)

Mittwoch, 5. April 2023

Aus der Wortwerkstatt: Himmelsschlüssel

 



Himmelsschlüssel


Was wär der Frühling ohne mich?
Wenn ich ihn nicht begrüßen würde,
ihn nicht von Herzen ehre?

Ja, würd er es bedauern,
würd er um mich trauern,
wenn ich nicht mehr wäre?

Würde er das Lied vermissen,
das ich ihm singe?
Das blaue Band auf Halbmast hissen?

Ach, jemals wissen
werde ich es nicht. Denn wenn ich´s wissen könnte,
wär ich nicht mehr hier,

und er könnte es nicht erzählen, mir
keine Auskunft geben.
Doch bin ich noch am leben.

Aber in einem bin ich mir sicher:
würd er rufend nach mir suchen,
würde ich unverzüglich eine Rückfahrt buchen,

und neu erscheinen
als zartes Frühlingskind,
dass wir wieder hier beisammen sind.


Das Bild ist von Jean-François Millet (1814 – 1875)

Dienstag, 4. April 2023

Aus der Wortwerkstatt: Aus dem Naturkundebuch der Euphrodite

 



Aus dem Naturkundebuch der Euphrodite

Die Blüten und die Bienen,
die Bienen und die Blüten.
Was wissen wir davon,
welche Geheimnisse sie hüten?
Vielleicht ist das nicht so statisch,
wie wir immer dachten,
und sie machen
wirklich Liebe, glücklich
und ekstatisch.


Foto: Annette Mayer auf Pixabay

Freitag, 31. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Märzsturm

 


Märzsturm

Sturm treibt Regentropfen wie Gischt an meine Fensterscheiben,
der Wetterfrosch verdrückte sich, er zog die Jalousien hoch,
draußen biegen sich die Äste und die Balken, und immernoch
bin ernstlich ich dabei, diesen Tag sattsam zu vergeigen.

Das Lotterbett schwankt wie ein Schoner in Novemberdünung,
draußen fliegt ´ne Kuh vorbei, ein Storchennest mit einem Krokodil darin,
es raschelt in den Zimmerecken wie von großen Mäusen, und ich bin
noch gar nicht wirklich aufgewacht, schwebe zwischen Sünd und Sühnung

all meiner Sünden, halb schuldbewusst, halb traumverloren.
Noch einmal kuschle ich die Decke, bin noch nicht ganz geboren,
mittlerweile flatschen draußen dicke Flocken Schneematschbrei,

Ende März, April April, noch einmal dreh ich mich anders rum,
hin zu der Wand, in meine Höhle, und ich stell mich schlaf und stumm,
was heut auch in der Welt geschieht, ich bin heute nicht dabei.


Das Bild „Märzsturm (Schneeschmelze)" ist von Otto Modersohn (1865 - 1946)

Mittwoch, 22. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Nicht einfach (Mitgefühl)

 



Nicht einfach (Mitgefühl)

Es ist nicht einfach, so egolos zu sein.
Mein Ego ist ein armes Schwein,
und es fühlt sich so allein,
sollte es mal sorglos „jörglos“ sein.

So nehme ich es in den Arm
und halte es behutsam warm,
und gleich wird es vergnügt,
und die Einsamkeit verfliegt.

Dienstag, 21. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Was gilt

 



Was gilt

Erbsen zählen, Bohne, Linse,
diese Weisheit ist ´ne Binse,
willst du sie verstehen
musst du in die Binsen gehen.

Manche alte Weisheit hat was Schales,
verloren ist da Malz und Hopf,
da schenk ich meine: Wenn ein Brett vorm Kopf
dann wenigstens kein schmales.

Wie man(n) in den Wald schallt
ruft´s heraus: Coitus interruptus auch im Hirn,
ach wie schön es im eigenen Wald hallt,
das wirft keine Wellen hinter der Stirn.

In der Birne sanfte Leere,
und das Leichte ist gewiss das Schwere,
man(n) sollte Äpfel und Birnen nicht vergleichen,
doch für Pflaumen sollt´ es reichen.

Weit ins Weite eröffnen sich die Räume,
im Wald, da gibt es viele Bäume,
ein Rabe rabt, erquickliches Geräusch,
an manchen Tagen leb ich keusch.

Mancher träumt von Konzerten
in den richtig großen Hallen,
versucht dafür auch Diktatoren zu gefallen.
Ach, leck mich doch am Werten.

So bin ich jener, der an nichts mehr glaubt,
den Glauben hat mir der Vogel „Namenlos“ geraubt
und in seinem Schnabel mitgenommen in sein Nest,
damit füttert er jetzt seine Brut und lässt

dafür Gesang und Kot auf diese Erde fallen,
das eine, um den Frühling zu beschallen,
das andre ist der Dung für bunte Pflanzen,
für Blüten, die im Lichte tanzen.

Ich such auch nicht nach neuen Reichen,
drei Reiche haben wohl gereicht,
mir Reiche und die Reichen aus dem Geist zu streichen,
weil Reich um Reich dem andren gleicht.

Es murmeln die Bäche die alte Weise,
es singen kleine Vögel ganz ganz leise
von der Ahnung eines Frühlings, so mild
ist der Tag: Das ist es, was gilt.


Das Bild ist von Felix Vallotton (1865 - 1925)

Sonntag, 19. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Geburtstag

 



Geburtstag


Also, dass ich so alt mal werde,
hätt ich mit sechzehn nicht gedacht.
Schon so lang bin ich auf dieser Erde.
Und? Was hat´s gebracht?

Etwas Weisheit, graue Haare,
und die ersten Zipperlein,
doch im Obstbaum singen wieder Stare,
und manchmal hilft ein guter Wein.

Viel geliebt und viel gelitten,
und am Ende oft allein,
für eine bessre Welt gestritten,
doch die stellte sich nicht ein.

Krieg und Elend nehmen zu,
und so viele Weggenossen
legten sich gepflegt zur Ruh,
soviel Zeit ist schon verflossen,

doch die Zukunft nicht gestemmt.
Die Kälte im Lande greift
um sich, und manchmal wein ich ungehemmt,
wenn mich diese Kälte streift.

Immer wieder fehl getreten,
jede Dummheit mitgemacht,
und manchesmal ganz ungebeten
und am falschen Ort gelacht.

Also, dass ich so alt werde,
hat mich heute doch berührt,
von meiner Seite: Keine Beschwerde,
ich hab immer noch nicht resigniert.


Samstag, 18. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Kurz vor Frühling

 



Kurz vor Frühling

Keine großen Worte, keine neuen Manifeste,
einfach das Singen in den Dingen finden,
vor dem Hause sind noch kahl die Linden,
doch singen erste Vögel im Geäste.

Wenn ich hier nun um mich schaue,
dabei erstes Seidenweich der Lüfte spüre,
und diese Zeit zum Frühjahr küre,
dann vermag ich zu vergessen all das Rauhe,

und so bin ich nicht mehr elegisch gestimmt,
auch wenn es für eine Hymne noch nicht reicht,
so doch das Lamentoso dem Allegro weicht,
das Leben ist so, wie man´s nimmt.

Sicher, es ist die Luft noch kühl.
Doch die Tage bleiben wieder länger hell.
Ich verliere schon mein Winterfell
Und verspüre erstes Hochgefühl.

Weidenkätzchen steigen flaumig im Geäst.
Der Himmel ahnt schon des Frühjahrs Überfülle,
Und die Bauern fahren Gülle,
Und ich fahre heut zu dir, wenn du mich lässt.

Das Bild "Vorfrühling, zwei kleine Faune" ist von Pierre Bonard (1867 - 1947)


Freitag, 17. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Sonniger Tag im Vorfrühling

 


Sonniger Tag im Vorfrühling

Auf dem kleinen Stücklein Nachbars Wiese hinterm Haus,
dies Flecklein grün, da blühn gelb und bunt Kroküsschen,
und ich spitze meinen Wundermund und atme aus
und pfeif´ und sing und brabble ein paar Stüsschen.

An den Haselsträuchern baumeln schon die Kätzchen rum,
und auch mir ist tatenarm gedankenlos nach Hängen,
nach Ausdehnen in der Wärme, und es treibt mich um,
dass es die Männerblüten sind. Ich kann es nicht verdrängen.

Die Frauen, scheinbar unscheinbar, verstecken sich als rote Narben
im Astgewirr, ich muss schon genauer schauen, sie zu entdecken.
Doch einmal gefunden, ist das Rot so kussmundfarben,

und ich passiv und windbestäubend möchte sie erwecken,
um mich an das hinzugeben, was da gerade ist, beziehungsweise
das hinzunehmen, dieses Sein. „Selig, selig“, sag ich weise leise.

Donnerstag, 16. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Wiedergeburt

 



Wiedergeburt

Und der Alte in der Tonne
sprach nach über zweimal tausend Jahren:
„Mehr Licht!, ach, das waren
einmal meine Worte. Und nun: Endlich Sonne!

Endlich kann ich vom Scholaren
zum Menschen werden. Welche Wonne!
Ich werde gleich zur Liebsten fahren,
ach, zum Teufel mit der Tonne!“

Das Bild “Diogenes” (Ausschnitt) ist von John William Waterhouse 1849 - 1917

Sonntag, 12. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Schnee auf der Weper

 




Schnee auf der Weper

Ich schau vom Fenster meiner Klause aus
auf des Dorfes schneebedeckte Dächer,
weit in den Süden greift mein Blick hinaus,
Sonnenstrahlen, gleißend bunte Fächer

breiten sich über die Wellen der Haine, ein Ort
der Ruhe, zu hören nur das Krähen von Hähnen,
und der antwortenden Hähne von weiter fort.
Einzelne Wolken beginnen sich auszudehnen,

behäbig wie schwere Nachen durch das Azur
gleiten sie als schwangere weißwollige Schafe,
als Sinnbild von Stille über die sich öffnende Flur.
Es ist ein Morgen jenseits von Strafe

und dem „aus den Gärten vertrieben sein“.
In die wandernden Schatten der Wolken gleitet
eine Weihe, die Flügel ausgebreitet, mühlos hinein,
und ich schwebe mit ihr, und meine Seele weitet

sich und vertraut den eignen Schwingen,
und gibt sich der steigenden Brise hin,
und eine Gewissheit lässt mich singen:
Dass ich all dieses, Schnee, Stille und Weihe bin.


Rotmilane (Weihe) ziehen bei Tag und zumeist einzeln oder in kleinen Trupps. Auf dem Wegzug sind die Zuggemeinschaften in der Regel individuenstärker als auf dem Heimzug. Auf Grund der relativ kurzen Zugdistanzen verlassen Rotmilane erst spät das Brutgebiet, selten vor Mitte September, die meisten in der ersten Oktoberhälfte. Die Weibchen ziehen etwa ein bis zwei Wochen vor den Männchen fort. Umgekehrt erscheinen sehr früh, schon in der Februarmitte, die ersten ziehenden Rotmilane wieder im Brutgebiet, die Mehrheit folgt Ende Februar und in der ersten Märzdekade.In den Jahren mit wärmeren Wintern, wie sie vermehrt auftreten, ziehen die Rotmilane gar nicht mehr fort.

Für die Auswärtigen: Die Weper ist ein Höhenzug oberhalb von meiner Wahlheimat Fredelsloh.

Mittwoch, 8. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Circe

 



Circe

Ach, was sind das denn für Herrschaftszeiten,
Circe liebte Männer nur als Schweine,
als Kassler und als Bregenwurst,
um damit den Grünkohl zu bereiten.

Aus welchem Garn sind die Sagen gesponnen?
Wer weiß es genau?
Vielleicht war eine Furcht zur Sage geronnen,
und Circe war nur eine Bauersfrau,
zog ihre Lehren aus dem, was sie sah und spürte,
gab den Männern einen Trank, der jeden zu sich selber führte,
so ein Zauber, der wirkt zielgenau, versteht ihr, was ich meine?

Jeder bekommt seinen Teil, einige verwandeln sich in Schweine. . .
Fühlen sich gleich verzaubert und becirct, oh Hexenwerk!,
„Wer mich als Schwein entlarvt, kann nur eine Hexe sein!“
Und all die Kameraden sind auch solche Biester,
und Pfarrer und Pastoren allesamt. . . Schweinepriester. . .
Und so begab es sich hienieden,
dass Patriarchen Schweine mieden,
allein nur der Verdacht, der sollte reichen:
vielleicht äßen sie sonst ihresgleichen. . .


Das Bild ist von Briton Rivière (1840 - 1920)

Montag, 6. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Gespräch über Bäume

 



Gespräch über Bäume

Ich spreche über Bäume.
Es ist an der Zeit, denn
jetzt kommen sie wieder,
all die großen Vereinfacher,
jetzt, wo wir das ernten,
was wir gesät
auf den Schlachtfeldern der Welt.

Ich spreche über Bäume,
mit den Menschen, welche gerade da sind.
Woher sie auch kommen,
was sie auch begehren.
Was die Großen
dieser Welt so tun,
ich vermag nichts beizutragen,
den Weltlauf zu erhellen.

Ich spreche über Bäume.
Dort, dieser Apfelbaum,
er macht mir Sorgen. Zu dicht
sein Geäst, zu lange nicht gepflegt,
er entbehrt des Menschen Hand.
Gefällt sollte er werden, da nutzlos.
Ich bat darum, es nicht zu tun.

Ich spreche über Bäume.
Mit dir, der du gerade neben mir stehst,
so fern von den warmen Gefilden
der Heimat,
wenn über dich die Erinnerungen
an die Feigenbäume
in deinem verlassenen Garten kommen.
Auch du weißt, dass sie deiner bedürfen.
Darüber spreche ich mit dir.

Wir sprechen über Bäume.


Freitag, 3. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Das Zeitliche segnen

 



Das Zeitliche segnen

Ich segne das Zeitliche, indem ich mir Zeit
für das Zeitliche nehme. Manches lässt sich nicht halten,
und kehrt auch nicht wieder. Ich bin bereit
geschehen zu lassen, wenn sich die Dinge entfalten.

Ich segne das Zeitliche vom Bette heraus,
wenn es morgens so kuschlig darinnen ist,
dann reck ich mich und strecke die Arme aus,
und freue mich, dass Du bei mir bist.

Ich segne das Zeitliche als den Sauerteig,
der in der Ruhe zu Gehen versteht, ohne Hast und Not,
und nehme es als Gleichnis und Fingerzeig:
Je mehr Ruhe im Gehen, um so feiner das Brot.

Ich segne das Zeitliche, indem ich Wege gehe,
welche verwunschen gewunden sind.
Immer schnell und gerade schafft keine Nähe,
Blüten und Falter lassen mich staunen als Kind.

Ich segne das Zeitliche, indem ich das Wachsen begleite,
was im eignen Zeitmaß wächst, wächst ins Weite,
und auch, wenn mir einst sterbend die holden Englein begegnen
werd ich das Zeitliche segnen.


Das Bild „Tanz der Stunden“ ist von Gaetano Previati (1852 - 1920)

Mittwoch, 1. März 2023

Aus der Wortwerkstatt: Metanoeĩte

 



Metanoeĩte*

Schon klopft die Nacht an Tages Türen,
Dämmerung, vorm Haus die Linden winterkahl,
Regen - zu viel Wasser macht die Suppe schal.
So viele gibt es, welche Ängste schüren,
Ein Fettauge mehr wäre schon die halbe Miete,
Gier ist eine Sünde - Metanoeĩte

Nichts wird in diese Suppe eingebrockt,
und es ist immer wieder nur das Gleiche:
Ich bin als Filmstatist immer nur die Leiche,
statt Brocken nur ein dunkles Haar, gelockt,
kein Anwalt, mit dem ich mich beriete,
wenn mich die Stunde schlägt - Metanoeĩte

Apropos Stunde, Zeit verrinnt, die Nacht ist da,
leider bist es du noch nicht, ich warte,
manchmal mutig, setzt ich auf die eine Karte,
gerne Dame Kreuz zum Spiel, und ich spar
mir nicht vom Munde ab, was ich dir biete:
Nur mich selbst - Metanoeĩte

* Metanoeĩte = Denket um! Tut Buße!

Das Bild „Nacht“ ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875 - 1911)

Dienstag, 28. Februar 2023

Aus der Wortwerkstatt: Mein Herz, der Winter war sehr lang. . .

 



Mein Herz, der Winter war sehr lang,
doch heut liegt Frühlingsahnung über nahen Hügeln,
die Sonne trägt im Februar auf ihren goldnen Flügeln
diese Ahnung in die Gärten, in die Wiesen dort am Hang.

Ich bin so seltsam unmodern und träum davon
dass es für alle immer wieder Frühling werden mag,
dass wir aus dunklen Schächten steigen in den Tag,
und ein Kind schaut nach dem roten Luftballon,

der sich in blaue Luft erhebt,
in der die Sonnenflitter kreisen,
und mit dem die kleine Seele schwebt,

in andres Land zu reisen.
Mein Herz, der Winter war sehr lang.
Mein Herz, es kommt der Frühling, sei nicht bang.


Das Bild ist von S. Hermann & F. Richter auf Pixabay