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Freitag, 31. Januar 2025

Die zweite Ernte des Jahres

 


Heute, am letzten Tag des Januar, lockte mich die Sonne heraus. Sie schien gar zu verlockend durch die Fenster meines Zimmers. Ich lenkte meine Schritte in Richtung Solling und ging einen Weg am Waldrand ab, klar, auch um zu schauen, was der Winter so zu bieten hat. Mich fragte einmal jemand, mit dem ich auf Waldspaziergang war, vorwurfsvoll, ob ich denn nicht einmal zweckfrei durch den Wald gehen könne, und nur die Schönheit genießen. Also so ganz romantisch-verschwärmte Waldeslust in etwa.

Ich bin von Kindesbeinen an mit Eltern und Großeltern im Wald, sie zeigten mir Pilze, Beeren, Kräuter, und wie sie gesammelt und verwertet werden. Bei meiner Großmutter lernte ich die Taubnesselblüten auszuzupfen, da ich so feine Finger hatte, mein Großvater zog mit seinem Spazierstock Lindenzweige herab, damit ich an die Blüten kam; Blaubeeren waren ein Teil unseres Wintervorrates, wenn es Pfannkuchen gab, gab es vorher eine Blaubeerensuppe (mit Grießklößchen); und an den Duft gebratener Pfifferlinge und Maronen erinnere ich mich gerne; tief in meinem Gedächtnis verankert sind auch die Gerüche auf Großmutters Dachboden, wo Weißdornblüten, Heidekrautblüten und Lindenblüten beim Trocknen miteinander wetteiferten, meine Nase als erste zu erreichen. Ist doch das olfaktorische Gedächtnis das prägenste, das, mit dem sich Erinnerungen quasi automatisch wiederherstellen lassen.

Später wurde ich Gärtner, Pädagoge und Dichter, doch das Sammeln wilder Kräuter, Beeren, Nüsse, Pilze war immer Teil meines Lebens, und ich lernte dazu, genügend, um später selbst Kräuterwanderungen und Kochkurse anzubieten. Das ist Teil meines Wesens, und wenn ich im Wald bin, auch in einem mir unbekannten, dann geht es mir so, dass, wenn sich die Vegetation verändert, der Graswuchs unter den Bäumen ein anderer wird, die Moosbänke andere Farben annehmen; dass sich ohne dass ich das willentlich zu steuern vermag, mein Blick ändert - ich bekomme den Pilzblick.

Doch auch der Krautwuchs am Wegrand interessiert mich, und die meisten kenne ich mit Namen (und Anwendung). Was jedoch nicht heißt, dass ich die Schönheit des Waldes, der Landschaft, der Sonneneinstrahlung durch die Baumwipfel, dass ich das Smaragdgrün der bemoosten Stämme, das leise Singen von scheuen Vögeln nicht wahrnehme und mich daran erfreue. Denn beides gehört zu meinem Wesen. Jener Kritiker übrigens redete die ganze Zeit irgendetwas Wichtiges und Salbungsvolles, dass ich ganz abgelenkt wurde von der mich umgebenden Schönheit.

Heute war ich allein unterwegs, und ich wurde, wie erhofft, fündig. Oben auf dem Foto der Holunderschwamm (Auricularia auricula), einer seiner vielen deutschen Namen, die ich nicht alle hübsch finde. Am besten gefällt mir die chinesische Bezeichnung Wolkenohrpilz. Als Chinesische Morchel oder Mu-Err getrocknet zu kaufen, ist er in China sehr beliebt in der Küche.

Der Geruch ist mild - erdig, und der Geschmack sanft pilzig, manche sagen, er wäre geschmacklos. Auch gilt er als Heilpilz, unter anderem bei Bluthochdruck und zur Vorbeugung eines Herzinfarktes angewendet. Meine heute von mir gefundenen Exemplare kommen morgen mit in meine Wurzelsuppe, eine Brühe, bestehend aus Porree, Sellerie, Karotten und Petersilienwurzeln, abgeschmeckt mit Miso, der japanischen Sojapaste.


Manche verwechseln den Holunderschwamm mit einem der Drüslinge, zum Beispiel den hier abgebildeten Abgestutzten Drüsling (Exida truncata), einem Gallertpilz, der auch gerne im Winter wächst. Dieser soll geschmacklich und geruchlich neutral und ungenießbar sein. Er gilt als ungiftig, also eine Verwechslung wird sich überleben lassen.



Ein weiterer Gallertpilz, nur weitaus auffälliger, ist der Goldgelbe Zitterling (Tremella mesenterica), auch er häufig im Winter zu finden, geschmacklich und geruchlich neutral, auch er soll essbar sein, aber keine kulinarische Offenbarung. Also erfreue ich mich an der erfrischenden Farbe und lasse ihn im Wald.




Ein paar Austernseitlinge fand ich auch noch - drum sage mir niemand, dass der Winter außer Schönheit nichts zu bieten hätte.


Samstag, 4. Januar 2025

Die erste Ernte des Jahres

 


Heute war alles genau richtig um hinauszugehen und Schlehen zu ernten: Temperaturen um den Nullpunkt, dazu Sonne, windstill, ruhig. Schlehen, das sind bekanntlich diese kleinen herben wilden Pfläumchen, die erst nach den ersten Frösten geerntet werden sollen, da dann die den Gaumen zusammen ziehen lassenden Gerbstoffe merklich abgebaut sind, welche den Schlehengenuss deutlich mindern. 

Nun wird immer wieder empfohlen, dass die Früchte doch durchaus vor den Frösten zu ernten seien, es genüge ja, ihnen ihre Portion Kälte in der Gefriertruhe zu geben. Auch sei dies vorteilhafter, um den Vögeln zuvorzukommen. 

Ich persönlich bin kein Freund davon, da ich der Überzeugung bin, dass der natürliche Wechsel von leichten Frösten in der Nacht, dann wieder das Auftauen am Tage, das Erwärmen in der Wintersonne, dass diese gleichsam rhythmische Behandlung der Früchte die Inhaltsstoffe wesentlich besser aufschließt, als das mechanische Einfrieren. Und was die Vögel angeht: Hier sind heuer solche Mengen in den Feldhecken, dass sowohl für unsere gefiederten Freunde als auch für mich genügend da ist. Die Natur ist großzügig. 

Ich wurde gefragt, ob mir denn die Finger nicht einfrieren würden beim Sammeln. Nun, es ist heute mild (für Winter), und es reicht daher, die Hände ab und zu in der Hosentasche aufzuwärmen. Auch brauche ich ja keine Riesenmengen, also sammle ich, solange die Finger es zulassen. Mit Handschuhen sind die Dinger nämlich einfach nicht zu fassen. 

Ich kenne da Schlimmeres. Zum Beispiel als ich eine Zeit in einer biologisch anbauenden Gemüsegärtnerei arbeitete, und ich ich eines Wintermorgens fünfzehn Kisten a ein Kilo Feldsalat ernten durfte. Die Temperaturen waren unter zehn Grad minus, der Feldsalat zwar durch Fliese geschützt, aber nichtsdestotrotz steifgefroren. Und: Er war nur mit bloßen Händen zu fassen, mit Handschuhen bekam ich die kleinen Rosetten nicht in den Griff. Da waren meine Finger am Ende wirklich steif, und es dauerte eine Zeit, bis sie unter kaltem Wasser (wichtig, keine warmes nehmen!) aus dem Hahn wieder auftauten. Und weh tat es auch noch. 

Meine heutige Ausbeute möchte ich zu Fruchtmus verarbeiten. Dazu möchte ich einen mir nicht geläufigen Trick ausprobieren. Normalerweise zucker ich die Früchte ein und lasse sie über Nacht stehen. Nun las ich, dass man statt Zucker auch Apfelsaft nehmen könne, und den haben wir reichlich, von unserer Streuobstwiese. 

Also: Die Dinger mit Apfelsaft bedeckt über Nacht ziehen lassen, am nächsten Tag etwa zehn Minuten köcheln lassen und durch ein Sieb passieren. Dann Zucker nach Bedarf zufügen. Es ließe sich auch mit Gewürzen experimentieren, Zimtstangen, Sternanis und / oder Kardamom kämen hier infrage (alles nicht gemahlen in meinen Beständen vorhanden). Das werde ich morgen spontan entscheiden, es wird wohl darauf hinauslaufen, dass ich eine Partie mit und eine ohne Gewürze zubereite. 

Die Schlehen enthalten natürliche Pektine, sollten also von selbst gelieren. Ich mache trotzdem eine Gelierprobe im Kühlschrank, um eventuell noch Pektin hinzu zu fügen. Zum Abschluss heiß in gut sterilisierte Twist-off-Gläser abfüllen. Schließen, fertig. 


Sonntag, 7. Juli 2024

Pilzhüte - Mandalas

 



Pilzhüte - Mandalas

Bilder von Pilzen, im Solling bei Fredelsloh gefunden. Unter anderem Riesenschirmling, Sternschuppiger Schirmling, Hallimasch, Täublinge, Fliegenpilz, Ziegenlippe, Strubbelkopfröhrling, Schwefelporling, Bovist(e), Fichtenbraunporling.


Musik von Kaputter Hamster - Behind the Universe (Ausschnitt) (1974)


Mittwoch, 21. Februar 2024

Beim Nüsseknacken

 

Walnüsse (Foto Erd Ling Judith)

Beim Nüsseknacken

Unsere „Energiebällchen“ sind wieder einmal alle. Unsere so leckere selbstgemachte Süßigkeit. Und auch die Haselnüsse, die wir letztes Jahr gesammelt hatten, sind zur Neige gegangen. Doch gibt es noch Walnüsse, teilweise aus dem Jahr vor dem letzten Jahr. Doch gut gelagert, und daher noch knack- und essbar. Also machen uns wir beide, der kleine Mann, der mich „Opa“ nennt und ich, ans Werk.

Haselnüsse sind die süßeren, die „lieblicheren“ der beiden Nussarten, die hier in der Region zu sammeln sind. Und das seit alters her. Am Rande erwähnt: Bei der heiligen Hildegard von Bingen war die Hasel nicht in hohem Ansehen: „Der Haselbaum ist ein Sinnbild der Wollust, zu Heilzwecken taugt er kaum.“ Nüsse wurden nämlich mit Sexualität und Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. (Wiki)

In der Mythologie der Römer war der Haselstrauch ein Symbol des Friedens, auch der Caduceus, der Merkurstab, soll ursprünglich aus Haselholz gewesen sein.

Haselnüsse sind hier heimisch, und das wohl schon seit langen Zeiten. „Hasel, Corylus avellana: Die letzte Eiszeit (diese ging vor etwa 11700 Jahren zu Ende) überdauerte sie in einem Rückzugsgebiet in Südwest-Europa, unter anderem im Norden Portugals. Zu Beginn der Frühen Wärmezeit (Borea, 8690 bis 7270 v. Chr) wanderte sie von dort nach Mitteleuropa ein. Sie verdrängte hier die Kiefer und die Birke. Ihre schnelle Wiederverbreitung wird von einigen Wissenschaftlern mit der Einwanderung des Menschen in Verbindung gebracht, für welche die Nüsse ein wichtiger Nahrungsbestandteil waren. Von 7000 bis 6000 v. Chr., während der Mittleren Steinzeit, war die Hasel das dominierende Gehölz in Mitteleuropa. Danach wurde sie in Mitteleuropa von Eichenmischwäldern zurückgedrängt.“ (Wiki)

. . . heute wissen wir, dass die frühen Ökonomien die Umwelt stärker beeinflusst und verändert haben, als gemeinhin angenommen wird. Die Menschen im mesolithischen Britannien holzten im Themsetal Wälder ab oder brannten sie nieder, um auf diese Weise das Wachstum von Haselnussträuchern zu fördern.

Gary Snyder, aus: Lektionen der Wildnis, Matthes & Seitz, Berlin 2011, S. 131

Walnüsse sind dagegen als „Welsche Nüsse“ wohl mit den Römern zu uns gekommen. Die Bäume sind hier im Norden seltener, da immer noch empfindlich gegen Spätfröste. Auch tragen sie nicht jedes Jahr, auf jeden Fall nicht so üppig. 2022 gab es sie in solchen Mengen, dass wir noch dieses Jahr ausreichend haben. So sind wir am Ende der Haselnussvorräte immer noch mit Walnüssen gesegnet. Dafür machten sie im letzten Jahr Pause.

Diese Nüsse knacken wir, in der Menge die wir gerade verbrauchen können (in der Schale sind sie besser haltbar). Die Nusskerne werden ohne Öl angeröstet in einer nicht beschichteten Pfanne. Dadurch bekommen sie mehr Aroma. Dann werden sie in der Küchenmaschine zu feinem Mehl gemahlen, mit Rosinen, Honig und Haferflocken verfeinert noch einmal in der Küchenmaschine gemust, und zum Schluss mit den Händen gerollt und in gemahlenen Haferflocken gewälzt, damit sie beim Lagern nicht aneinanderkleben.

Walnusskernmehl

Das ist unser Wanderproviant auf unseren Gängen in unserem Revier, wenn wir nach Kräutern, Pilzen, Nüssen und Beeren Ausschau halten. Dazu gibt es unseren „Tee der Landschaft und der Jahreszeiten“, mit etwas Honig gesüßt lauwarm in einer Thermoskanne gehalten. Mit dabei habe ich dann meinen Wanderstab, dreifach gewunden (eine Je-länge-je-lieber – Ranke hat dabei geholfen), und selbstverständlich aus - Haselholz.

Dienstag, 31. Oktober 2023

Herbstpilze

 



Jetzt ist Erntezeit für die Herbstpilze, und siehe, endlich sind sie bei uns im Solling da. Meine beiden liebsten Arten zu dieser Zeit, Trompetenpfifferlinge und Violette Rötelritterlinge, haben sich wieder eingestellt, genau an den Plätzen, die ich kenne in „meinem“ Revier. Sie sind halt treu. Von beiden Arten gibt es zur Zeit in Mengen.

Die Trompetenpfifferlinge sind der zartere (und braunere) Bruder des echten Pfifferlings (von denen ich auch noch einige fand). Hier wachsen hauptsächlich die gelbstieligen (Cantharellus tubaeformis var. lutescens), welche noch aromatischer als die einfachen sind. Es soll auch eine starkriechende Art geben, den Duftleistling oder auch Gelbe Kraterelle, diese habe ich hier leider noch nicht entdeckt. Alle diese Pilzarten gehören zu den Leistlingen, da sie keine Lamellen sondern Leisten haben. Auch die Herbst- oder Totentrompete gehört dazu, die aromatischste Art. Diese konnte ich immerhin einmal im Solling finden.

Trompetenpfifferlinge sind zwar in der Regel recht klein, doch dafür meist in großen Mengen zu finden. Zu verwechseln sind sie nur mit anderen Leistlingen, was nicht weiter tragisch ist, denn alle sind essbar, und mit dem Gallertkäppchen (Leotia lubrica). Diese wachsen gerne im gleichen Habitat, sind von gummiartiger Konsistenz und gelten als ungenießbar bis giftig. Sie sollen das gleiche Gift wie die Frühjahrslorchel enthalten. Falls doch einmal welche unter die Trompetenpfifferlinge geraten sein sollten, wäre das sicherlich interessant, da sie beim Braten aufgrund ihrer Konsistenz aus der Pfanne springen sollen. Dieses Phänomen konnte ich noch nicht beobachten, da ich die beiden Arten zuverlässig unterscheiden kann.

Gallertkäppchen

Apropos Frühjahrslorchel: Gerade sind hier auch wieder in Mengen die Herbstlorcheln (Helvella crispa, syn. Helvella pithyophila) zu finden, kleine bis mittelgroße weißliche Gebilde, die mich immer wieder an kleine Kobolde erinnern. Zur Verwendung der Herbst-Lorchel als Speisepilz wird heute abgeraten. Sie wird von Fachleuten seit Jahrzehnten als giftig eingeschätzt, allerdings mit einer sehr späten Symptomatik, das heißt einer sehr langen Latenz.



Ein guter Speisepilz dagegen ist der violette Rötelritterling (Lepista nuda), über den ich mich jedesmal freue, wenn ich ihn finde. Typisch für ihn sind die violette Tönung und der etwas süßliche Geruch. Roh sollte er nicht gegessen werden, doch gut durchgebraten ergibt er ein schmackhaftes Pfannengericht. Auch lässt er sich gut einwecken. Zu verwechseln ist er eigentlich nicht, auch wenn er gerne mit Nebelkappen zusammen wächst. Doch denen fehlt die violette Färbung sowie der „blumige“ Geruch.



Mittwoch, 21. Juni 2023

Sommersonnenwende - Johanniskraut

 



Sommersonnenwende


Sag, was kündest du mir, Sonnenwendkraut, leuchtender Busch du?
Nicht Johanniskraut, nein, Lichtheiliger mögest du heißen!
Sommerverkünder, so weit das Auge erfasset die Landschaft.
Lichthell stehet der Rain und sommerlich glühet der Wegsaum,
Borget den Nächten sogar ein mitternachtsonniges Dämmern.

Stets sich steigert die Glut, daß glitzern die Blätter des Eichwalds
Wie in metallischem Glanz. - Gott! Rosen, ja Rosen in Menge!
Rot und röter und weiß. - Ach, wie ermüdet die Fülle!
Silbrig flimmert die Luft und goldgleich zittert der Sonnball.

Christian Friedrich Wagner, geboren am 5. August 1835 in Warmbronn, Baden-Württemberg; gestorben am 15. Februar 1918 ebenda, Kleinbauer und Dichter.


Seine Stellung zur Kriegslyrik war eindeutig, wie aus einem Brief an Hermann Hesse hervorgeht: Nachdem er schon mehrfach „um Kriegslieder angegangen worden“ sei, schreibt er weiter: „das Heldentum des Nitroglyzerins erkennen wir [Dichter] nicht an!“ Als der befreundete Dichter und Kriegsdienstverweigerer Gusto Gräser aus Deutschland ausgewiesen werden sollte, setzte er sich für ihn ein. Der spätere Dadaist Johannes Baader besuchte ihn 1916 in Warmbronn und hielt daraufhin begeisterte Vorträge über Wagner.

Er leidet sehr unter dem fortgesetzten Kämpfen und Töten und wünscht sich, Eremit zu werden. „Ich beklage, dass es in Deutschland keine Wälder mehr gibt, wie im Mittelalter, zur Zeit der Eremiten, in die hinein ich mich verkriechen könnte, um dort nur noch mit frommen Tieren zu leben.“

„Lieber ein barmherziger Heide als ein unbarmherziger Christ“

Im Winter 1884 nutzte Wagner die freie Zeit zum Sichten seiner poetischen Versuche und stellte sein Manuskript Märchenerzähler, Bramine und Seher zusammen, das im Frühjahr 1885 in einem Stuttgarter Verlag erschien, nachdem er die Herstellungskosten des Buches übernommen hatte. In diesem Werk sah er sich selbst als Bramine, der „alles Lebendige schonend und achtend durch die Fluren wandelt“, er versicherte jedoch, nie buddhistische Schriften gelesen zu haben.

Montag, 22. Mai 2023

Knabenkräuter


Etwas später in diesem Jahr, dem kühlen Frühjahr geschuldet, blühen jetzt die Knabenkräuter und andere Orchideen wieder. Die Knabenkräuter haben ihren Namen wegen der paarigen Wurzelknollen und deren Ähnlichkeit mit den männlichen Genitalien. Die unterirdischen Überdauerungsorgane können bei einigen Arten bis zu 20 Zentimeter Länge erreichen. Jährlich wird eine neue Knolle gebildet, während die alte abstirbt.

Die vollsaftigen Knollen wurden früher geerntet und zu Salep verarbeitet. Frisch geerntet schmecken die Knollen bitter, doch wenn sie gekocht und danach getrocknet werden, verliert sich das. Gemahlen wurde daraus auch bei uns ein stärkendes Getränk zubereitet, das, wen wunderts, im Ruf stand, die männliche Zeugungskraft zu befeuern. Eine medizinische Wirkung besitzt der Trank jedoch nicht. Gepulvert geben Salepknollen mit dem 40- bis 50-fachen Gewicht kochenden Wassers eine steife Gallerte. In der Türkei wird Salep zur Herstellung von Speiseeis und Milchprodukten benutzt. In Deutschland sind alle Orchiedeenarten streng geschützt und dürfen nicht gesammelt werden.

Die bei uns heimischen Erdorchideen haben so ihre speziellen Ansprüche an das Habitat. Viele Arten kommen nur auf Kalkmagerrasen vor, die wir hier in der Umgebung auf dem Hainberg und auf der Weper haben. Und die Knabenkräuter brauchen für die Keimung der staubfeinen Samen spezielle Pilze, mit denen sie in Symbiose leben.

Während Allerweltskräuter wie Bennessel oder Giersch fast überall gedeihen, brauchen die Habitate der Erdorchideen oft eine besondere Pflege. Hier werden die Kalkmagerrasen von Schafen und Ziegen beweidet, so wird verhindert, dass die Standorte verbuschen und die seltenen Pflanzen, die dort wachsen, nach und nach verdrängt werden. Vielleicht eine Analogie zu unseren modernen Gesellschaften: Es gibt Minderheiten, die eines besonderen Schutzes bedürfen, und wir tun als Gemeinschaft gut daran, diesen auch zu gewähren. Dafür werden wir dann mit Blüten von anrührender Schönheit und Raffinesse belohnt.

Hier in der Umgebung gibt es jetzt wieder einiges zu bestaunen, neben dem oben gezeigten Männlichen Knabenkraut (Orchis mascula) in der rosa Form, auch dieses hier, das Dreizähnige Knabenkraut, Neotinea tridentata:



Auch unter den Seltenheiten gibt es wiederum Minderheiten. Von der Orchis mascula, dem männlichen Knabenkraut, gibt es eine weißblühende Form, die O. mascula albiflora. In der Regel sind die Blüten dieser Art purpurfarben oder Farbvariationen mit rosa Blüten. Weiße Exemplare können in praktisch allen größeren Populationen gefunden werden, jedoch tritt diese Form in einem Verhältnis von etwa 3/1000 auf.



Kein Knabenkraut, doch auch eine Orchidee: Die Fliegenragwurz (Orchis insectifera). Auch sie trägt an der Basis zwei Knöllchen. Interessant jedoch die Befruchtung: Die Blüten ähneln Insekten, als typische Bestäuber gelten die Männchen einer Grabwespenart (Agrogorytes mytaceus). Diese werden sowohl durch die Form der Blüte, doch mehr noch durch die Aussendung von Pheromonen (Sexuallockstoffe) angelockt. Bei den Versuchen, die vermeintlichen Weibchen zu begatten, wird der Pollen übertragen. Dass männliche Wesen, wenn sie erst einmal im Begattungsmodus sind, auf allerlei hereinfallen, ist anscheinend nicht nur auf menschliche Männer beschränkt.



Sonntag, 14. Mai 2023

Muttertag bei Mutter Natur

 



Muttertag bei Mutter Natur


Nun ist meine Mutter schon lange nicht mehr unter uns, und blickt auf die Dinge von höherer Warte. Doch eine Erinnerung blieb bei mir haften, aus meiner Kinderzeit: Zum Muttertag gab es für Mami (wie wir sie nannten) immer einen Fliederstrauß. Und da in unserem Garten kein Flieder wuchs, wurde er kurzerhand beim Nachbarn gemopst. Da auf unserem Obstanger ein Syringenstrauch wächst, kann ich die Gärten der Nachbarn heuer verschonen, um ein Muttertaggedenksträußchen zu schneiden.

Speisemorchel
Unsere Streuobstwiese ist etwas außerhalb vom Ort, und wenn ich mir einen kleinen Umweg erlaube, dann führt mich mein Weg dorthin an einigen Fundstellen vorbei. Zum einen brauche ich noch etwas Waldmeister für den diesjährigen Sirupvorrat, zum anderen führt mich dieser Weg an „meinem“ Morchelrevier vorbei. Zwar habe ich dort in diesem Frühling schon zwei Mal vorbei geschaut, doch ergebnislos: bis dato war es hier verhältnismäßig kühl. Doch heute sollte mir sofort eine Speisemorchel begegnen, und das ließ mich hoffen. Diese Hoffnung wurde leider getrügt, ich fand nur noch ein weiteres (recht stattliches) Exemplar, und dabei blieb es. Immerhin weiß ich jetzt, dass Morcheln in dieser Gegend kein Mythos sind. Gestern übrigens fand ich bei
Morchelbecherling
der Gartenarbeit in unserem verwilderten Garten noch einen Morchelbecherling, ein seltener Fund, und für mich der erste in meinem Pilzsammlerleben überhaupt. Dieser scheibenförmige Pilz wächst an ähnlichen Standorten wie die Morcheln auch, und hat sich wohl nur verirrt. Leicht zu identifizieren ist er an seinem etwas unangenehmen Chlorgeruch, so etwa nach Hallenbad, doch der verschwindet beim Zubereiten komplett, und in der Qualität sind diese Pilze den Morcheln ebenbürtig. Roh sind sie unbekömmlich, doch glaube ich nicht, dass irgend jemand ob ihres Odeurs sie roh verzehren würde.

Mairitterlinge
Auf unserem Obstanger wurde ich dann etwas entschädigt für die kärgliche Morchelernte. Hier wuchsen, wie jedes Jahr die Mairitterlinge, sie sind standorttreu. Zuerst dachte ich, ich wäre hier zu spät gekommen, die ersten Exemplare, denen ich begegnete, waren schon drüber. Doch an einer schattigeren Stelle wurde es dann doch üppig, so dass es heute eine gute Pilzpfanne zum Abend gibt. Die Morcheln wandern da übrigens nicht mit hinein, sie werden getrocknet. Zusammen mit den getrockneten, die noch vom letzten Jahr übrig sind, wird es dann für eine deftige Pilzrahmsauce zu Nudeln reichen.

Waldmeister
So kam ich dann reich beschenkt von meinem Muttertagsausflug zurück: Waldmeister, zwei Morcheln, die Georgsritterlinge (wie die Maipilze auch genannt werden) und das Syringensträußchen. Auf dem Rückweg begegnete ich dann einer Nachbarin aus dem Dorfe, und wir kamen ins klönen. Und was erzählte sie mir? „Früher haben wir als Kinder den Fliederstrauß zum Muttertag immer beim Nachbarn gemopst.“

Zum Abschluss noch ein Gedicht von einem meiner Lieblingsdichter:

Syringen

Fast überirdisch dünkt mich euer Grüßen
Syringen ihr, mit eurem Duft dem süßen.

Nach Geisterweise weiß ich euch zu werten,
Ein Duftgesang er ist mirs von Verklärten,

Gott, wie ich doch in dieser blauen Kühle
Der Blumenwolke hier mich wohlig fühle!

Süß heimlich ahnend was hineinverwoben; -
Wie fühl ich mich so frei, so stolz gehoben!

Ha, bin ichs selbst, deß einstig Erdenwesen
Nun auch einmal zu solchem Glanz genesen?

Sinds meine Lieben, die, ach längst begraben,
In diesen Düften Fühlung mit mir haben?

Christian Friedrich Wagner, geboren am 5. August 1835 in Warmbronn, Baden-Württemberg; gestorben am 15. Februar 1918 ebenda, Kleinbauer und Dichter. Aus: Gesammelte Dichtungen, herausgegeben von Otto Güntter, Verlag Strecker und Schröder, Stuttgart 1918

„... er fühlte die tiefe Zusammengehörigkeit zwischen Tier, Mensch und Pflanze, Stein und Stern. Und er liebte das alles. ... Er war dogmenlos fromm. ... Er war allerdings ein Landmann; er hat die Natur gekannt, aber das Hälmchen war ihm kein Anlaß, 'Duliöh!' zu schreien oder ein knallig angestrichenes Gemüt leuchten zu lassen. Er war ein in sich gekehrter Künstler und wohl wert, daß wir ihn alle läsen und verehrten.“ (1919)

Kurt Tucholsky

„Es wird in deutscher Sprache nicht viele Wunder von der Art der dritten und der letzten Strophe des Gedichtes 'Syringen' geben“. (1922)

Karl Kraus


Sonntag, 1. Januar 2023

Für das neue Jahr: "Dreams come true"

 


Meine Empfehlung für einen hoffnungsvollen Jahresbeginn: "Dreams come true". Damit dieser löbliche gute Vorsatz sich im Gedächtnis verankern kann, ein Lied dazu. Ich gestehe, ich musste dreimal (mindestens) hinhören und -schauen (habe dafür in den Weiten des Internet recherchiert), um zu glauben, dass dieses Lied wirklich von Sun Ra ist. Es ist 1955 auf El Saturn Records erschienen, der Bandname lautete "The Cosmic Rays with Sun Ra & Arkestra".

Herman "Sonny" Poole Bount, geboren 1914, spielte in den Vierzigern im Orchester von Wynonnie Harris, arrangierte für Red Saunders, bis er 1952 seinen Geburtsnamen ablegte und sich Sun Ra nannte. Der Rest ist Jazzgeschichte. 

Welche Träume möchten 2023 wohl wahr werden? Ich hätte da einige. Persönliche und weitergehende. Für mich selber hoffe ich, dass die stetige Stabilisierung meiner körperlichen Konstitution nach der Herzoperation im August des vergangenen Jahres weiter voran schreitet, und dass ich mich wieder mehr um die Gemeinschaftsküche in der Alten Schule, um den Zaubergarten am Kapellenbrunnen und den Obstanger auf dem Tönnjeshof und um Texte und Töne in Fredelsloh inklusive dem Workshop "Ich spreche mich frei" in der Alten Schule kümmern kann. 

Mit Blick auf das große Ganze sind vorerst zwei Wünsche im Vordergrund: Dass der unselige Krieg in der Ukraine sein Ende finde, und zwar ein positives und aufrüttelndes für das Bewusstsein der Menschen, dass, und das wäre der zweite Wunsch, dass sich mit dem Ende dieses Krieges auch eine Initiative zur Beendigung jeglicher Kriege und Gewalt bilde. Auch denke ich, dass wir als Menschheit ganz andere Problemlagen in der Zukunft haben, die unser aller Kräfte zur Bewältigung brauchen, die nicht durch Kriege gebunden werden sollten. 

Damit letzteres nicht nur ein frommer Wunsch bleibe, mögen wir mit den uns gegebenen Mitteln an diesem Ziel arbeiten. In meinem Falle unter anderen mit den Mitteln der Lyrik und der Musik. "Ideale sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen, doch sie weisen uns den Weg"  -  mit diesem spanischen Sprichwort wünsche ich allen ein hoffnungsvolles neues Jahr. 

"Dreams come true
I know they do
If you believe in love
Mine cames true
And yours will too"

Montag, 12. Dezember 2022

Blütenspaziergang rund um Fredelsloh

 

             

Impressionen in und um Fredelsloh, die zweite: Blütenspaziergang durch das Jahr. Die Umgebung von Fredelsloh birgt verschiedene Landschaften: Felder und Weiden, den Solling mit seinen ausgiebigen Wäldern, die Kalkmagerrasen auf der Weper und dem Hainberg, um einige zu nennen. 

So vielfältig wie die Landschaft ist auch die Flora. Ich möchte einige Pflanzen in Blüte vorstellen, vom Allerweltsgewächs wie den Löwenzahn bis hin zu so aparten Seltenheiten wie die Fliegenragwurz oder die Türkenbundlilie. Viele der Pflanzen wachsen in ausgewiesenen Naturschutzgebieten, viele stehen unter Naturschutz. Schützenswert sind eigentlich alle. 

Die Fotos sind von mir, auf meinen Streifzügen durch die Umgebung entstanden. Die Musik im Video sind Auszüge aus den sechs Stücken für Flöte und Piano von Fikret Amirov


Donnerstag, 10. Oktober 2019

Pilzspaziergänge im Solling

Pilzlandschaft mit Grünblättrigen Schwefelköpfen, Nebelkappen und anderen

Nach einem trockenen Jahr 2018 und einen trockenen Sommer 2019 kam mit dem Herbst auch der Regen und mit dem Regen auch die Pilze. Nun macht es wieder Spaß, durch die Sollingwälder zu streifen, um nach den Pilzen zu schauen, zu Staunen was da an vielgestaltigen Geschöpfen aus dem Waldboden drängt, und selbstverständlich auch zu Sammeln, denn ein leckeres Pilzgericht ist nicht zu verachten. 

Einiges für mich Neues durfte ich entdecken, neu für mich, zum Einen da vorher noch nie gesehen, aber auch neu, da vorher nicht beachtet, da der Pilzblick zu sehr am Verwertbaren haftete. Das ist eigentlich schade, denn gerade die Entdeckungsreisen in die Pilzwelt ohne Utilitarismus machen die Pilzspaziergänge erst richtig spannend. Einiges von den Fundstücken des frühen Herbstes möchte ich hier zeigen. 

Um Pilze zu finden, braucht man oft das Dorf gar nicht zu verlassen, die Gesellen auf dem Foto links wurden nahe einer Blockhütte in Nadelstreu gefunden. Es handelt sich um Büschelige oder Gesellige Raslinge, Lyophyllum descastes,die gerne in der Nähe menschlicher Behausungen wachsen, an Zäunen und ähnlichen Standorten. Sie sind übrigens essbar, auch wenn wir sie nicht probiert haben.






An ähnlichen Standorten wie der gesellige Rasling kann auch der Spitzschuppige Schirmling (oder auch: Spitzschuppiger Stachelschirmling), Echinoderma asperum, vorkommen. Diese Exemplare habe ich am Rande eines Buchenwaldes gefunden. Dieser Schirmling ist übrigens giftig und soll üble Magen-Darm-Probleme verursachen. 









Weiter im Buchenwald wurden diese Gesellen gefunden, die recht neutral, aber pilzig-mehlig dufteten. Durch Nachfragen in einer Pilzbestimmungs-Gruppe im Internet erfuhr ich, dass es sich um den Brandigen Ritterling, Tricholoma ustale, handelt. Leider ist auch dieser Pilz giftig, wenn auch nicht so stark wie der Spitzschuppige Schirmling. Auch er enthält ein Magen-Darm-Gift. 




 
Ebenfalls nach Mehl, aber stärker und mit einer Gurkenkomponente, riecht der Mehlräsling, Clitopilus prunulus. Er kommt in Mischwäldern vor, ich fand dieses (und andere) Exemplare am Rande eines Weges im Fichtenwald. Er ist essbar, doch sollte man sehr vorsichtig im Umgang mit ihm sein, denn es gibt stark giftige weiße Trichterlinge, die ihm sehr ähnlich sind. Der Mehlräsling ist, besonders in Verbindung mit Pfefferröhrlingen und Fliegenpilzen ein Steinpilzanzeiger, laut einem Internetforum für Pilze sogar der Steinpilzanzeiger!

Hier häben wir dann den zweiten im Bunde der Pilze, die gerne zusammen mit Steinpilzen wachsen: Der Pfefferröhrling, Chalciporus piperatus. Diesen (und mehr davon) fand ich am Rande eines Fichtenwaldes, zusammen mit Mehlräslingen und Fliegenpilzen. Der Pfefferröhrling ist essbar, aber pfeffrig scharf, er lässt sich als Würzpilz in Mischpilzgerichten verwenden. Es ist ein kleiner Pilz mit rotbraunem Hut. 





 
Der dritte im Bunde der Steinpilzanzeiger (sofern er im Mischwald oder wie dieser im Fichtenwald wächst und nicht unter Birken): der wohl meistfotografierte Star unserer Pilzflora, der Fliegenpilz, Amanita muscaria, das "Männlein im Walde". Es hat sich herum gesprochen, dass er giftig ist, und einiges andere mehr. . . 




Und da sind sie endlich, nach so vielen Anzeigern: die Fichtensteinpilze (Boletus edulis). Für mich perönlich fast zu schade zum Frischverzehr, ich trockne sie meistens, denn durch den Trockenvorgang gewinnen sie an Aroma und können so fast jede deftige Sauce bereichern. 






Auch im Fichtenwald gefunden, wo er gerne wächst: der Schiefknollige Anisegerling, Acaricus essettei. Woher er seinen Namen hat ist auf dem Foto klar ersichtlich. Diese schiefe Knolle ist auch ein sehr wichtiges Erkennungsmerkmal dieses Pilzes,der beim Ernten immer heraus gedreht werden sollte, um die Knolle zu sehen. In Fichtenwäldern kommen nämlich auch Kegelhütige Knollenblätterpilze (Amanita virosa) vor, die auch einen weißlichen Hut haben. Ich selber habe diese tödlich giftigen Pilze schon in unmittelbarer Nähe zu den Anisegerlingen gefunden. Letztere gilben übrigens, nicht nur an der Stielbasis, wie der leicht giftige Karbolegerling, sondern auch am Stiel selber und am Hut, außerdem duften sie mild nach Anis. Der Knollenblätterpilz eher nach Rettich. 

Auch nach Rettich riechend: Der Rosa Rettichhelmling, Mycena rosea, ein hübscher kleiner Pilz mit kräftig rosafarbenem Hut, der leicht giftig ist (er enthält das Pilzgift Muscarin, das auch im Risspilz und im Fliegenpilz zu finden ist) und in Mischwäldern recht häufig zu sehen ist. 






Nun noch ein Pilz für´s Auge: Der Halskrausen - Erdstern, Geastrum triplex, nicht giftig, nicht essbar, ergo: Ungenießbar. 










Ein echter Pilzkobold ist die Herbstlorchel, Helvella crispa. Ein zerbrechliches Gebilde, das in einigen Pilzbüchern als essbar, in anderen als leicht giftig und in noch anderen als ungenießbar beschrieben wird. Wie dem auch sei, ich sammle sie nicht sondern erfreue mich lieber an den bizarren Formen dieser Pilze. 











Zum Abschluss noch den Langstieligen Knoblauchschwindling, Mycentinis alliaceus. Er riecht, wie der Name schon andeutet, knoblauchähnlich und die Hüte können gesammelt und als Würze verwendet werden. Auch das nur in sehr geringen Mengen, da dieser Pilz eine leichte Magen-Darm-Giftigkeit aufweist. Ich selber lasse hn daher lieber stehen und erfreue mich an seinem Anblick. Wenn ich Knoblauch für ein Pilzgericht wünsche, dann nehme ich lieber gleich die Knoblauchzehen. . .

All dies ist nur ein kleiner Eindruck all der Pilze die im Solling und rund um Fredelsloh wachsen. Die Vielfalt ist hier einzigartig, was auch an den verschiedenen Habitaten in der Umgebung des Dorfes liegt: Da ist der Solling selber mit seinen Fichten- und Mischwäldern auf Rotsandstein, da ist die Weper und der Hainberg mit Kalkuntergrund, da sind Auwälder, Wiesen und Weiden und Kalkmagerrasen. Es ist immer interessant durch die Gegenden hier zu schweifen, sowohl als Kräuter- als auch als Pilzliebhaberin oder -haber. 

Montag, 22. Januar 2018

Winterpilzkunst, Hainberg, Fredelsloh


Winterlicher Sonntagsspaziergang auf dem Hainberg bei Fredelsloh. Dabei durften wir diese Zwergenhöhlen (sind es gewiss, wer ruft da prosaisch "Alte, geplatzte Boviste"?) entdecken, und andere Schönheiten. . .




Rückweg ins Dorf
 

Sonntag, 14. August 2016

Mariä Kräuterweihe

Die Fredelsloher Maria



Mariä Kräuterweihe

Der 15. August ist ein besonderes Datum: Es ist der Tag der Mariä Himmelfahrt, dass wohl älteste kirchliche Marienfest. Es ist auch das Kräuterweihfest, an dem die „Kräuterbuschen“  gesammelt werden, welche zur Abwehr der „bösen Geister“ in Haus und Hof aufgehängt werden. Die Kräuterbuschen enthielten verschiedene Kräuter in ungerader Zahl, es sollten sieben verschiedene Kräuter sein, oder auch neun. Aus der kirchlichen Tradition sind noch andere Zahlen bekannt, die einen Bezug zur christlichen Lehre haben. Auch die ursprünglichen Zahlen wurden in diese Richtung umgedeutet, so sollen sieben Kräuter die sieben Schöpfungstage bedeuten, und die neun steht für dreimal drei, als die heilige Dreifaltigkeit. Da jedoch der Ursprung dieses Festes älter ist als die christliche Religion, denke ich, dass die Zahlen einen anderen Sinn inne haben. 

Mit der Kräuterweihe beginnt auch der Frauendreißiger, fast dreißig Tage, vom 15. August bis zum 12. September, in dem die besonders heil- und zauberkräftigen Kräuter gesammelt werden. Also nicht nur die, welche die Küche und die Hausapotheke bereichern, sondern auch die, mit denen der Schutz von Haus und Hof gewährleistet wird, und mit denen zum
Mein hölzernes Erntemeser
Beispiel geräuchert werden kann, um die Atmosphäre zu klären. Sowohl die Kräuter für die Kräuterbuschen am Kräuterweihfest als auch die Kräuter, die im Frauendreißiger gesammelt werden, dürfen nicht mit Metall in Berührung kommen, also auch nicht mit einem eisernen Messer geschnitten werden. Wie gut, dass ich letztens ein Erntemesser aus Eschenholz geschenkt bekam, sozusagen genau zum richtigen Zeitpunkt.

In der Überlieferung werden viele Kräuter erwähnt, die den Kräuterbuschen zugefügt werden können. Immer wieder Alant, der hier in der Umgebung von Fredelsloh leider nicht wächst, dann Beifuß, Kamille, Dost, Johanniskraut, Schafgarbe, Bachminze, Eisenkraut, Thymian und andere. In die Mitte des Kräuterbuschens wurde oft ein Stängel Königskerze drapiert, außerdem bekamen Ähren von Weizen, Roggen und Gerste ihren Platz. 

Welche Kräuter morgen meine Kräuterbuschen komplettieren werden, weiß ich noch nicht, ich werde mich da ganz von meiner Intuition leiten lassen. Doch bin ich mir sicher, dass am Abend an den Türen zur Alten Schule und in meinem Zimmer Kräuterbuschen hängen werden und uns daran erinnern, das Fredelsloh ein Ort ist, der Maria geweiht ist. Und diese Orte waren vor der Christianisierung die heiligen Stätten der Göttin.

Mittwoch, 10. August 2016

. . . on Blueberry Hill





. . . on Blueberry Hill

Anfang August, nach zuerst großer Trockenheit und dann kühlen Regentagen mit der Liebsten einmal wieder in den Wald, um nach den Pilzen zu schauen. Doch diese machten sich noch rar. Zu unserem Glück hatten wir auch zwei kleine Sammeleimer dabei, denn wir kamen an eine Stelle, an der Blaubeeren wuchsen, und an den kleinen Sträuchern war sogar etwas dran. So sammelten wir denn Blaubeeren statt Pilze.

Das ist nun eine ganz andere Art Arbeit, als Pilze sammeln. Die Büsche sind niedrig, und die Beeren klein. Also, viel geduldiges Bücken und Pflücken (des Reimes willen: „mit schmerzendem Rücken“). Dazu kommen immer wieder irgendwelche aufdringlichen Fliegen an und brummen einem um den Kopf, setzten sich an Mund und Nase, und sind dabei auch noch hartnäckig und lassen sich nicht verscheuchen. Manchmal piekst es auch, dann wurde man wieder von einer „Blinden Fliege“, einer Bremse, gestochen. (Ganz zu schweigen davon, dass man sich abends nach Zecken absuchen muss, Sommerzeit ist Juckreizzeit).

Am Anfang dauert es, bis überhaupt der Boden des Sammeleimers bedeckt ist. Dann hat man schon ein bisschen Übung, und es scheint schneller mit dem Füllen des Sammeleimers zu gehen, bis er denn so halb voll ist. Ab da scheint sich wieder die Zeit zu dehnen, und bis „randvoll“ dauert es eine gefühlte halbe Ewigkeit. Zwischendurch richtet man sich auf, und genießt die Waldluft und den Sonnenschein, und bewundert die blauen Finger.

Später, wenn dann der Blaubeerkuchen fertig ist, zeigt es sich, dass sich die Zeitaufwendung doch gelohnt hat. In meiner Kindheit gab es am Abend der Blaubeertage Bickbeerensuppe, die so schön die Zunge färbte, und danach Kartoffelpuffer. Überhaupt ist das Sammeln der Blaubeeren so rechte „Kinderarbeit“, ich habe die Tage im Walde in guter Erinnerung. Mit Kind und Kegel, wie es so schön heißt, bei uns jedoch eher mit Kindern und ohne Kegel, dafür mit Sammeleimern, ging es hinaus in den Wald. Wir waren drei, später vier Kinder, dazu meine Eltern, und wenn man schon am frühen Vormittag begann, dann kam bis zum Abend einiges zusammen. Es war so ein kleiner Wettbewerb zwischen uns, wer am Abend die größte Menge zusammen hatte, wobei sich die Mutter außer Konkurrenz stellte, und der Vater immer gewann.

Genascht wurde zwischendurch nicht, das war Ehrensache. Erst zum Picknick mittags höhlte man eines der mitgebrachten Brötchen aus und füllte es mit frischen Blaubeeren. Das war lecker und färbte Lippen und Zunge so schön. Doch noch leckerer als frisch sind die Blaubeeren eben gekocht, als Suppe und als Fruchtmus oder Marmelade. Wie so manche anderen Früchte auch, wie etwa Himbeeren, gewinnen sie durch Erwärmung an Aroma.

Wir sammelten im Sommer Beeren und Pilze und verarbeiteten sie zum Wintervorrat. Das war ebenso wie das „Kartoffelstöppeln“, die Nachlese auf den Kartoffelfeldern, für eine sechsköpfige Familie auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Was gesammelt wurde, brauchte nicht gekauft werden. Und, wie schon gesagt, diese Familienausflüge in die Beeren sind mir in guter Erinnerung, die glücklicheren Tage der Kindheit, die meine Seele für den Wald geöffnet haben, was bis heute anhält.

Etwas anderes ist es vielleicht, wenn nicht mehr gesammelt wird für den eigenen Wintervorrat, sondern für den Verkauf. In Schlarpe, einem anderen Sollingdorf, wird jeden Sommer das Heidelbeerfest gefeiert „zur Erinnerung daran, dass die kleinen blauen Früchte vielen Schlarper Familien Jahrhunderte lang halfen, einigermaßen über die Runden zu kommen. In den Monaten Juli und August zur Haupterntezeit der Beeren bekamen die Kinder spezielle Heidelbeerferien. Bereits ganz früh am Morgen gingen sie mit den Erwachsenen zum Pflücken in den Wald. Den größten Teil der Ernte brachten die Frauen damals zu Fuß auf die Märkte der Umgebung. Dazu mussten sie oft bereits mitten in der Nacht aufbrechen. Damit die bitterarmen Familien in dem kleinen Ort am Wald überleben konnten, war das Heidelbeergeld dringend notwendig.“, heißt es im Buch „Das Kochbuch Solling und Leinetal  -  Gerichte und Geschichten von Peker bis Polder“, von den LandFrauenkreisverbänden Northeim und Altkreis Einbeck in der Edition Limosa.

"Blueberry Hill, hier nicht im Solling, sondern im Waldviertel
Ob das dann für die Kinder die heiteren Tage im Walde waren, wie ich sie erlebt habe, das wage ich zu bezweifeln. „Bereits am frühen Morgen“ loszuziehen, den ganzen Tag in den Büschen, um das dringend benötigte Heidelbeergeld zu verdienen, das klingt eher nach anstrengender Arbeit. In diesem Zusammenhang wundere ich mich sowieso, zu welchen Schleuderpreisen Wildheidelbeermarmelade in den Discountern verkauft wird. Ich glaube nicht, dass die Sammlerinnen und Sammler in Polen, und wo überall Bickbeeren kommerziell gesammelt werden, besonders viel damit verdienen.

Auch in Fredelsloh, meinem jetzigen Wohnort, gab es wohl nicht nur die „gute alte Zeit“: „Die meisten Dorfbewohner lebten äußerst bescheiden am Rande des Existenzminimums. Viele Kinder, wie auch Engelschristines späterer Mann Hanfriech, konnten nicht einmal regelmäßig die Schule besuchen, weil die familiäre Erwerbsgemeinschaft dies nicht zuließ und sie infolgedessen mitarbeiten mussten. Die Sterblichkeit der Bevölkerung war größer als in den Nachbargemeinden. Besonders die Tuberkulose erforderte auch unter den jungen Menschen viele Todesopfer. Die miserablen Lebensbedingungen in diesem abgelegenen Walddorf führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer stetigen Abwanderung der Bevölkerung in das Umland, in die nord- und westdeutschen Industriegebiete und nach Amerika“, heißt es in dem von Ira Spieker und Wolfgang Schäfer geschriebenen Nachwort zu der Neuerscheinung des Buches „Engelchristine: Jugenderinnerungen aus einem Sollingdorf“ von Hanshenderk Solljer unter dem Titel „Mägdealltag und Mädchenträume“, Holzminden, 2000.

Die Armut hatte neben den kargen Böden in der Umgebung des Sollingdorfes noch andere Gründe: „Das Klostergut besaß ausgedehnte Waldungen und beschäftigte sogar einen Förster. Die Hege des Wildes für ausschließlich herrschaftliche Jagden und infolgedessen die Vernichtung der Ernten durch die zahlreichen Wildschweine oder das Rehwild provozierten den Zorn der Einwohnerschaft und widersprachen ihrem Gerechtigkeitsempfinden. Auseinandersetzungen mit dem Gutspächter bzw. seinen Verwaltern und Vögten waren für viele Dorfbewohner an der Tagesordnung  . . .   Die steuerlichen Abgaben an die Klosterherrschaft und andere Grundherren lasteten ebenfalls schwer auf den meisten Einwohnern.“ (ebenda)

So ist man denn wieder bei den alten, bitteren Geschichten der Welt. Die Armut ist menschengemacht, und entspringt einem ungerechten Herrschafts- und Wirtschaftsgefüge. An der Auflösung dessen mitzuarbeiten, ist in einem gewissen Sinne Pflicht. Aus Fredelsloh zogen, oder besser, flohen ab Mitte des 19. Jahrhunderts hunderte Menschen in das gelobte Land Amerika. „Lebten um 1850 etwa 1400 Menschen in Fredelsloh, so waren es 50 Jahre später nur noch gut 700. ein erheblicher Teil von ihnen wanderte  -  zumeist in Gruppen von einigen Dutzend Menschen  -  nach Amerika aus.“ (ebenda)

Und: „Die Auswanderer erhofften sich nicht nur wirtschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten jenseits des Atlantiks, sondern wurden auch von politisch-sozialen Zwängen der deutschen Obrigkeitsstaaten außer Landes getrieben. Während in Amerika für sie das Land der Freiheit war, bestimmten in Deutschland vielfältige Abhängigkeiten und Privilegien das alltägliche Leben.“ (ebenda)

Dieses „Land der Freiheit“ wiederum wurde auf Kosten der dort ansässigen Bevölkerung, den indianischen Völkern, rücksichtslos etabliert. So dass auch hier wieder der Satz stimmen mag, „der größte Wunsch des Sklaven ist nicht die Freiheit, sondern, selber Sklaven halten zu können“. Europa exportierte seine Gewaltkultur in alle Welt. Die Armen von hier lebten dann „dort“ sicherlich besser. Doch in der Gesamtsumme hat sich das Elend vermehrt.

Heute lebt es sich im idyllischen Dörfchen Fredelsloh ganz anständig, sofern man gewillt ist, die dörfliche „Langeweile“ gegen die Umtriebigkeit der Stadt einzutauschen. Das liegt zum einen daran, dass Deutschland noch ein verhältnismäßig reiches Land ist, zum anderen daran, dass es hier eine gute soziale Gemeinschaft gibt. Auch die dörfliche Infrastruktur trägt ihres dazu bei: Es gibt noch ein Lebensmittelgeschäft, einen Fleischer, einen Bäcker, zum Beispiel. Doch die Einschläge kommen auch hier näher: Das Dorf droht zu überaltern, da die Jungen weg ziehen, und keine nach kommen. Die Flurbereinigung hat einige Schneisen in das Landschaftsbild geschlagen. Dazu kommt, dass die industrielle Landwirtschaft den bäuerlichen Betrieben „das Wasser abgräbt“. Wir haben gerade noch einen Milchbauern im Ort, und der macht auch nur noch so lange, bis er in Rente geht. Der Preisverfall in der Milch“produktion“ lässt ihn keinen Raum.

Und was geschieht, wenn es einmal wieder Not gibt? So eine Weltwirtschaftskrise kann schneller kommen, als es gedacht wird. Dann gibt es zweierlei nicht mehr: Eine Infrastruktur für eine regionale Selbstversorgung, mit Mühle, Kleinmolkerei, Schlachterei etc., und es gibt kein „Amerika“ mehr, wohin es sich auswandern lässt.

Über all das lässt sich nachdenken bei so einfachen Tätigkeiten wie das Sammeln von Blaubeeren. Auch darüber, was wohl gewesen wäre, wenn die Weißen nicht als Eroberer und Kolonialisten in das gelobte Amerika gekommen wären, sondern als Lernende. Dann hätten sie vielleicht folgendes lernen können: „Es ist ein großer Fehler, irgendeine Gruppe oder irgendwelche Menschen als Gegner zu betrachten. Wenn du dies nämlich tust, drängst du sie genau in diese Rolle. Es ist nützlicher, jeden anderen Menschen als ein anderes Ich, jedes einzelne Individuum als einen Vertreter dieses Universums zu betrachten“, so der Indianerheiler Mad Bear, zitiert nach Heinz J. Stammel „Die Apotheke Manitous  -  Das Heilwissen der Indianer“.

Übrigens war es hüben wie drüben nicht so verschieden, auch die nordamerikanischen Indianer kannten die Heidelbeere: „Heidel- und Preiselbeere waren seit jeher für die Indianer ein wichtiges Nahrungs- und Heilmittel. Zur Erntezeit der Beeren beteiligten sich nicht nur Alte, Frauen und Kinder am Sammeln, sondern auch die sogenannten `Krieger`, wie Trapper berichteten. Die frischen Beeren wurden während der Reifezeit als Dessert gegessen, Getreide- und Gemüsesuppen beigegeben, hauptsächlich aber luftgetrocknet und für den Winter aufbewahrt“ (ebenda)

Also, so wie bei uns „zuhause“, wenn wir allesamt mit Oma und Opa, Tante und Onkel, Mama, Papa, Kinder in den Sommerferien „in die Beeren“ zogen, um unseren Wintervorrat einzusammeln. Während ich dem nachspüre, summe ich vergnüglich vor mich hin. Ein Lied, aus Amerika, dem gelobten Land: „I found my freedom on blueberry hill“.

p. s. Nach dem Sammelerlebnis von meiner Liebsten und mir backte die Liebste noch einen mächtigen Blaubeerkuchen am nächsten Tag, mit Streuseln und mit Walnusskernen aus Fredelsloh. Den brachten wir dann den fleißigen Helferinnen und Helfern beim Mittelalterofenbrand am Keramikum. Es war Sonntag, und der Ofen wurde nach einer Woche Brenndauer gerade ausgeräumt. Lecker war´s für alle, das Kuchenschlecken (mit Sahne und Vanilleeis!)

Blaubeerkuchen. . .

. . . mit Streusel