"Ein gutes Leben leben" - das könnte mein Motto sein. Ich berichte hier von meinem Leben als Dichter, Dingefinder und Gärtner im schönen Töpferdorf Fredelsloh von Garten, Topf und Magen und von der Kunst, den Alltag alltäglich zu genießen. Das geschieht auch immer mal wieder in Reimform. Manchmal lasse ich auch andere life durch Lesungen und Kräuterwanderungen an meinen Erfahrungen teilhaben. Viel Spaß auf diesem Blog wünscht: Jörg Krüger
Mittwoch, 4. September 2013
Nach dem Streit
Muss das Glück
mit Traurigkeit beglichen werden?
Ein offnes Wort. Und kein zurück.
Kann das irgendwas gefährden?
Sicher fühl´ ich mich dabei nicht wohl,
mit dir im Clinch zu liegen.
Doch ist für mich die Phrase hohl,
mich um des lieben Friedens willens zu verbiegen.
Du wolltest einen Mann, der denkt.
Da hast du ihn.
Mich kriegt man nicht geschenkt,
weil ich noch ungebrochen bin.
Es ließe sich selbstverständlich auch schreiben (und meine Liebste wünscht diese Ergänzung):
Du wolltest eine Frau, die denkt.
Da hast du sie.
Mich kriegt man(n) nicht geschenkt,
Lieben ja. Mich beugen nie.
p. s.
Kein Gewitter dauert einen vollen Tag.
So zog auch unseres vorüber.
Oh, wie ich diese Klarheit mag!
Ich liebe dich, mein Gegenüber.
Septemberneumond
"Als
mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger
und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich
noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte
erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, daß Beten nicht bloß Schweigen ist,
sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten
heißt still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört."
Sören
Kierkegaard (1813 – 1855)
Der Septembermonat nähert sich seiner Neumondnacht. In den von der Stadt entfernteren Gegenden ist diese Nacht von Dunkelheit gesegnet und, wo wolkenlos, lassen sich die Sterne erblicken.
Zeit für Innerlichkeit. Ich musste es erst wieder lernen, die Rhythmen zu erkennen, in denen bei mir Geist und Seele und Körper sich ausschwingen. Meine eigenen Rhythmen und nicht die, welche ich statistisch als Mensch wohl besitzen sollte, und welche mir von vielen Menschen in Wort und Schrift angetragen wurden. Statistisch gesehen haben wir alle Schuhgröße 39. Doch will meinem Fuß nicht jeder Schuh passen.
Ich trage meine mir eigene Sensibilität in mir für die Geschehnisse der äußeren Welt. Wenn mich die Arbeit, getaktet durch acht Stunden von dann bis dann, mit Pause dann und dann, soviele Tage die Woche, so in ihrem Bann hält, dass ich zwar nicht takt- aber rhythmuslos werde, dann kann es geschehen, dass ich "außer mir" gerate. Mich unwohl fühle, gar erkranke.
Erst, als ich mir Arbeitsbedingungen schaffen durfte, welche den mir eigenen Rhythmen und innewohnenden Sensibilitäten mehr entsprachen, konnte ich etwas mehr von den mir Eigenem erspüren. So "nutze" ich die Zeit um Neumond gern, um in mich hineinzufühlen. Mich mehr nach Innen zu ergehen.
Die Sache mit Gott, dass ist so eine ganz eigene Sache bei mir. Es war wohl wieder einmal meine Neumondinnerlichkeit, welche mich zum Nachdenken über dieses Thema brachte. Ich bin mir da selber ein Rätsel: Vom Selbstverständnis wohl eher ein Atheist, vor allem, was den Gott der Kirche oder der Moschee betrifft, oder, noch anders, wenn manche mich fragen würde zum "Glauben" an Gott, würde ich eher antworten: Die dreigestaltige Göttin ist mir nicht fremd. Sie ist mir an manchen Tagen und Nächten sogar sehr nahe.
Doch nein: Ich "glaube" ja nicht. Wie könnte ich das? Was ist das denn, "glauben"? Ich versuche, in dieses Wort hineinzuspüren, und empfinde nichts dabei. Manchmal gibt es zwar Tage, da weiß ich irgendwie, dass mir zum Beten zu meinem Gott der Kindheit oder zu meiner Göttin in einer ihrer Gestalten zumute ist, und dann tu ich das einfach, doch mit dem "Glauben", welcher mir wieder letztens ein (wirklich sehr netter und engagierter) Pastor ans Herz legte, hat das herzlich wenig zu tun.
Denn ich glaube ja gar nicht. Da sitzt weder ein netter alter Herr mit weißem Bart auf seinem Thron, von Engelein umflort, wenn ich versuche, mein "Etwas" vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, noch gibt es da eine Affinität zum Vater, zum Sohn, zum Heiligen Geist. Und die Vorstellung, dass ich im Abendmahl den Leib und das Blut Christi zu mir nehme, empfinde ich eher gruselig, kanibalistisch ja. Auch ewiges Leben und ewige Seligkeit, respektive, bei Fehlverhalten, ewige Verdammnis, all das ist mir so fern und fremd wie ein Spiralnebel am anderem Ende des Universums. Auch meine dreigestaltige Göttin hat nichts mit der Trinität zu tun. Manchmal spüre ich im Wirken um mich her die Alte, welche mich in die Erneuerung bringt, und mir Gedanken der Einsicht schenkt, die Neumondin eben, wenn man so will, dann ist es wieder das andere Gesicht der Welt, oder ein ganz anderes, welches sich mir beim Schauen offenbart.
So ist mein Beten denn auch ein anderes, als das, was ich in den Gottesdiensten vorfinde. Mal ist es ein einfaches Gespräch meiner Kinderseele mit dem Gott meiner Kindheit. (Der kommt dem netten alten Herrn mit weißem Bart schon näher), und dann bitt ich, weil ich etwas mal wieder nicht mag und aushalte, in aller Unschuld. Dann wieder ist meine Seele übervoll von Freude, und ich danke der Göttin für die Schönheit der Welt. Dann wieder: "In tiefster Not schrei ich zu Dir". Halt das, was gerade anliegt.
Womit oder mit wem ich da gerade kommuniziere, das frage ich mich dann gar nicht. Es ist einfach so selbstverständlich, das zu tun, genauso, wie ich mit den Blumen spreche, wenn ich im Garten bin, oder wie ein Automechaniker mit der Schraube flucht, die aber auch gar zu fest sitzt.
Am nahesten kommt meinem Gebet, gerade zu Neumond, noch das, was Sören Kierkegaard im obigen Zitat beschreibt. Nicht selber so viel sprechen, bitten und bereden, sondern dem lauschen, was eine äußere Seele an mich heranträgt. Das kann manchmal auch die Eichelhäherfeder, blau und schwarz gestreift, sein, welche gerade dann vor mir auf dem Pfade liegt, wenn ich in mir eine bestimmte Frage wälze, oder, anders, die Frage sich fragen lasse. Ihr Einlass gewähre, weil sie nun einmal gerade da ist.
Und die Sache mit Gott? Oh, da hab ich etwas Nettes gefunden in der Predigt "Über die Armut im Geiste" von Meister Eckardt:
"Als ich in meinem ersten Ursprung stand, da hatte ich keinen
Gott, und da war ich Ursprung meiner selbst. Da wollte ich nichts. Dort
verlangte ich nach nichts, denn ich war abgelöst von ihm und ein Erkennender
meiner selbst im Genuss der Wahrheit. Da wollte ich mich selbst und sonst
nichts. Was ich wollte, das war ich. Was ich war, das wollte ich. Und hier
stand ich, abgelöst von Gott und allen Dingen. Aber als ich dann heraustrat aus
meinem freien Willen und mein geschaffenes Wesen entgegennahm, da bekam ich
einen Gott. Denn bevor die Geschöpfe waren, da war Gott nicht Gott, vielmehr
war er, was er war. Aber als die Geschöpfe entstanden und ihr geschaffenes
Wesen empfingen, da war Gott nicht mehr Gott in sich selbst, sondern er war
Gott in den Geschöpfen."
Und:
"Alles, was je von Gott herkam, ist bestimmt, sein Wesen
durch Wirken rein zu entfalten. Die für den Menschen charakteristische
Tätigkeit ist Lieben und Erkennen. Nun entsteht die Frage, worin von beidem die
Seligkeit vor allem bestehe. Einige Meister lehren, sie bestehe in der Liebe;
andere lehren, sie bestehe im Erkennen und im Lieben, und die reden besser.
Aber ich behaupte, sie bestehe weder im Erkennen noch im Lieben. Mehr noch: Es
gebe ein Eines in der Seele, von dem Erkennen und Lieben herkommen. Es selbst
erkennt nichts und liebt nichts – wie das die Kräfte der Seele tun. Nur wer
dieses Eine erkennt, der begreift, worin die Seligkeit besteht. Es kennt weder
ein Davor noch ein Danach. Es harrt keiner von außen zufällig erfolgenden
Ergänzung, denn es kann weder etwas hinzu gewinnen noch etwas verlieren. Es ist
so arm, dass es nicht weiß, dass Gott in ihm wirkt. Ja, es ist selber das
selbe, das sich selbst genießt wie Gott sich genießt. Daher behaupte ich, der
Mensch solle frei und abgelöst stehen. Er soll nicht wissen und nicht erkennen,
dass Gott in ihm wirke. Auf diese Weise kann der Mensch Armut besitzen."
Das nehme ich jetzt in meine beginnende Neumondinnerlichkeit hinein und lasse es in meiner Seele wirken. Und schaue, was sich findet.
- Die anderen Seiten 14 -
Dienstag, 3. September 2013
Lichtloser Abend
| Stromausfall: Draußen lassen sich wieder Sterne sehen. . . |
Nicht nur bei uns, sondern im ganzen Kleingartenpark, soweit wir es überblicken konnten. Wir hatten Kerzen und einen kleinen Gaskocher, die wurden hervor gekramt. Da ich mit den Reineclauden so weit fertig war, dass ich kein Licht mehr brauchte, um die Würmer und deren Fraßgänge in den aufgeschnittenen Früchten zu sehen, reichten die Kerzen aus. (Reineclauden und Zwetschen von einem verwilderten Baum sind selten wirklich vegan). So blubberte nach kurzer Zeit die Fruchtbrühe auf dem Gaskocher, eine blaugelbe Flamme verströmte Heimeligkeit, der Raum duftete nach kochenden Früchten, und zum Musizieren holte ich meine Gitarre hervor. Ich musste sowieso einmal wieder ein bisschen üben.
Selbst ohne Gaskocher wären wir noch in der Lage gewesen, die Früchte zu verarbeiten, denn es gibt in dem KleinHäuschen noch einen Holzofen, auf dem sich auch Kochen lässt. So war es ein romantischer Spätsommerabend, der uns beschert wurde.
Was aber, wenn es ernst würde. "Klack", Stromausfall, und das war es dann. Irgendein futuristisches Szenario mit Computerausfall oder bösen bösen Saboteuren, oder . . . Nicht eben mal einen Abend lang, weil mal wieder ein Baum auf die Oberleitungen gelfallen ist, sondern wirklich "klack", aus. Ich dachte am abend darüber nach. Ja, im KleinHäuschen würde sich vielleicht nicht gar so viel ändern. Holz liegt fürs erste noch draußen zum Kochen, und alles "lebenswichtige" funktioniert auch ohne Strom.
Doch in der Stadtwohnung im dritten Stock? Keine Gastherme, da auch sie Stromanschluss braucht, Kühlschrank aus, Kochen unmöglich, da keine Möglichkeit einmal eben einen Gasanschluss herzustellen. Wie fragil und abhängig das Ganze doch ist, ich mag nicht wirklich daran denken. Wieviele Menschen wissen sich in so einer Situation ad hoc zu helfen? Auch mit Holz feuern will gelernt sein. Dann: Was funktioniert noch alles nicht? Was wäre, wenn es Winter wäre.
Länger andauernder Stromausfall würde auch uns über kurz oder lang aus den KleinHäuschen vertreiben, den auch die Schöpfwerke funktionierten dann nicht mehr, welche die tiefliegende Marsch trocken halten.
Nein, ich bin nicht phantasiebegabt genug, mir das Szenario auszumalen. Zwar ließe sich sicher ein Endzeitgemälde erstellen, eine wortreiche Science-Fiction-Geschichte, doch das echte Verhalten von echten Menschen in einer echten Stadt und deren Umgebung, gar einem ganzen Landstrich und weiteren Gebieten, nein, das ist nicht auszumalen für mich. Ich kann darüber allenfalls statistisch denken.
Hier im Kleingartenpark würden die Menschen noch einigermaßen zusammen halten, sie sind Nachbarschaftshilfe gewohnt, und jetzt, im September, wächst die Nahrung noch im Garten und auf den Bäumen. Außerdem gibt es viele Feuerstellen für Gas und Holz. Hier würden wir uns wohl für eine Weile zurecht finden.
Als das Licht wieder an ging, wir lagen schon im Bett, da waren wir auf eine Art doch froh, trotz aller Romantik. Es gibt viel darüber nach zu denken, und ich habe das Gefühl, dass es keine individiuellen Lösungen mehr gibt in einer "echten Krise", sondern nur gemeinschaftliche. So werden ich und wir durch den lichtlosen Abend einmal mehr darin bestärkt, Gemeinschaft zu suchen, den Kontakt mit echten Menschen zu pflegen, und ihre Marotten lernen hin zu nehmen. Denn in einer Krise brauchen wir eines: Menschen, mit denen wir gemeinsam tun.
Als die Menschheit noch in Stämmen lebte, hatten sie keine andere Wahl, als die Menschen, mit denen sie lebten, so zu nehmen, wie sie sind. Es gab keine anderen. Eigentlich ist es mit den Menschen in unserer Nachbarschaft genauso. Und: Unsere Facebookfreundinnen und -freunde sind bei Stromausfall auch nicht mehr erreichbar.
So war dieser Abend sehr lehrreich für uns, weil wir in der Enge des KleinHäuschens (die durchaus wohlig war) über das nach dachten, wessen der Mensch eigentlich bedarf: Andere Menschen.
- Die anderen Seiten 13 -
Montag, 2. September 2013
Entscheidungen
Eines der wichtigen Dinge, welche ein Mensch mitbringen sollte, um in der Gesellschaft ernst genommen zu werden, ist die "Entscheidungsfähigkeit". - "Nun entscheide Dich doch" - Wohlfeile Ermahnung an die Unentschiedenen. Als läge im Entscheiden das Wunder der Tatkraft. Dass kluge Entscheidungen Zeit brauchen, dass sie reifen wollen, dass wird zwar behauptet, jedoch nicht praktiziert. Doch was ist, wenn kluge Entscheidungen nicht nur ihre Zeit brauchen, sondern auch ihre Zeit haben?
Es mag schwer auszuhalten sein für die so tatkräftigen Menschen, wenn jemand "Entscheidungen vor sich her schiebt". "Den Weg des leichtesten Wiederstandes gehen" ist noch die mildeste Kritik. "Macher" sollen wir sein, oder "Macherinnen". So ein Mensch wie Laotse wird als "Weiser" dann vielleicht anerkannt, doch auch milde belächelt. Schrieb er doch im Tao Te King: "Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt ihm nichts gleich."
Politische Entscheidungen nach Art des Wassers - Die Irokesische Nation mit ihren Ohwachira-Frauenräten machte es vor: "Der Ohwachira - Frauenrat regelte in offener Abstimmung alle Großfamilienangelegenheiten. Ein Beschluss hatte nur bei Einstimmigkeit Gültigkeit und war deshalb das Ergebnis umfassender Kompromisse. Fraktionelle Meinungsbildung von Gruppen gab es nicht. Übereinstimmungen der Abgeordneten ergaben sich zufällig und wechselten von Problem zu Problem." (Aus: Heinz J. Stammel - Die Apotheke Manitous, Kapitel: "Die Sozialphilosophie der Indianer")
Komme einer in der Diskussion von Gesellschaftsformen und Wünschen an eine gerechte gesellschaftliche Organisation mit dem Wort "Konsensdemokratie". Oh, wie schnell hört man dann ein Aufstöhnen, selbst in den virtuellen Welten der Diskussionsforen ist es spürbar. "Nicht machbar". "Damit wären wir noch in der Steinzeit."
Nun, die Irokesen mit ihrer Konsendemokratie waren noch in der Steinzeit, als die Weißen kamen und sie mit Feuer und Schwert in die Moderne entschieden. Deutlicher lassen sich kaum die Unterschiede zeigen, welche im Entscheiden liegen. Sind wir doch (fast) alle in der Moderne angekommen, und manchmal fühlen wir uns unbehaglich. Fremd. Weil wieder etwas über unsere Köpfe hinweg entschieden wurde.
Konsensdemokratie, das ist echtes "Ent-Scheiden". Ein Zusammenfügen dessen, was vorher unentschieden war, was die Gemüter geschieden und entzweit hatte. Das braucht seine Zeit, kann jedoch durchaus heilsam sein. Wie heißt es so schön? "Wenn Du etwas ändern möchtest, dann beginne bei Dir selbst". Ja: Ich höre auf meine inneren Stimmen, auf den Rat von Freundinnen und Freunden, und ent-scheide mich erst, wenn es so weit ist. Wenn die Zeit für das Zusammenfügen reif ist. Das ist meine Wahl.
Zeit ist das kostbarste Gut, welches wir zur Zeit haben.
Es mag schwer auszuhalten sein für die so tatkräftigen Menschen, wenn jemand "Entscheidungen vor sich her schiebt". "Den Weg des leichtesten Wiederstandes gehen" ist noch die mildeste Kritik. "Macher" sollen wir sein, oder "Macherinnen". So ein Mensch wie Laotse wird als "Weiser" dann vielleicht anerkannt, doch auch milde belächelt. Schrieb er doch im Tao Te King: "Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt ihm nichts gleich."
Politische Entscheidungen nach Art des Wassers - Die Irokesische Nation mit ihren Ohwachira-Frauenräten machte es vor: "Der Ohwachira - Frauenrat regelte in offener Abstimmung alle Großfamilienangelegenheiten. Ein Beschluss hatte nur bei Einstimmigkeit Gültigkeit und war deshalb das Ergebnis umfassender Kompromisse. Fraktionelle Meinungsbildung von Gruppen gab es nicht. Übereinstimmungen der Abgeordneten ergaben sich zufällig und wechselten von Problem zu Problem." (Aus: Heinz J. Stammel - Die Apotheke Manitous, Kapitel: "Die Sozialphilosophie der Indianer")
Komme einer in der Diskussion von Gesellschaftsformen und Wünschen an eine gerechte gesellschaftliche Organisation mit dem Wort "Konsensdemokratie". Oh, wie schnell hört man dann ein Aufstöhnen, selbst in den virtuellen Welten der Diskussionsforen ist es spürbar. "Nicht machbar". "Damit wären wir noch in der Steinzeit."
Nun, die Irokesen mit ihrer Konsendemokratie waren noch in der Steinzeit, als die Weißen kamen und sie mit Feuer und Schwert in die Moderne entschieden. Deutlicher lassen sich kaum die Unterschiede zeigen, welche im Entscheiden liegen. Sind wir doch (fast) alle in der Moderne angekommen, und manchmal fühlen wir uns unbehaglich. Fremd. Weil wieder etwas über unsere Köpfe hinweg entschieden wurde.
Konsensdemokratie, das ist echtes "Ent-Scheiden". Ein Zusammenfügen dessen, was vorher unentschieden war, was die Gemüter geschieden und entzweit hatte. Das braucht seine Zeit, kann jedoch durchaus heilsam sein. Wie heißt es so schön? "Wenn Du etwas ändern möchtest, dann beginne bei Dir selbst". Ja: Ich höre auf meine inneren Stimmen, auf den Rat von Freundinnen und Freunden, und ent-scheide mich erst, wenn es so weit ist. Wenn die Zeit für das Zusammenfügen reif ist. Das ist meine Wahl.
Zeit ist das kostbarste Gut, welches wir zur Zeit haben.
- Die anderen Seiten 12 -
Sonntag, 1. September 2013
Betrübt
"Betrüblich", wenn der Himmel trübe, und es nicht mehr ausreicht, nur mit Hemd und Strickjacke über dem Oberkörper draußen auf der Banke zu sitzen. Da kommen mir am eigentlich doch Sonntag genannten Tag die trüben Gedanken von ganz allein. Wieder einmaöl steht mein Gefühlsleben in inniger Korrespondenz mit der Außenwelt. Was braucht es da?
Die Freundin sagt, es wäre wichtig, jemanden zum Reden zu haben, in so einer Lage. Doch was ist, wenn ich gar nicht reden möchte? Nicht, weil ein "richtiger Mann" nun einmal schweigt und sein Leiden stumm erträgt. Es ist eher so: Jedes Wort ist mir ein Wort zu viel, wenn da nicht vorher der liebende Arm mir geboten wird, und ich einfach einsinken kann in weiche Wärme. Ja, in den Arm genommen werden, dass ist heilende Geste für mich in dieser Betrübnis.
Dann kann die Seele sich weiten und dann kann wieder etwas in Fluss kommen, und dann können auch wieder die Worte fließen. Was ist denn Nahrung? Ist die feste Nahrung mir genommen, Brot und Obst und Gemüse und all das, nun gut, ich vermag mindestens einen Monat fastend überstehen. Hungrig zwar, jedoch nicht tödlich verletzt.
Mit dem Wasser, der flüssigen Nahrung, sieht es schon anders aus: Das soll ein Mensch höchstens drei Tage aushalten. Und wenn man mir "die Luft abdreht", dann bin ich nach circa fünf Minuten perdu.
Doch die grundlegendste Nahrung ist die Wärme. Würde die Sonne von jetzt auf gleich verschwinden am Firmament, würden uns die wärmenden Strahlen entzogen, dann würden wir im Sekundenbruchteil am absoluten Nullpunkt schockgefroren.
Also ist es die Wärme, die mir das Leben erhält. Ich wünsche mir Deinen Arm.
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