Dienstag, 12. April 2016

Die Spinkelsgrund bei Vogelbeck



Wenn ich von Fredelsloh aus über die Ahlsburg wandere, komme ich irgendwann nach Salzderhelden. Von da aus halte ich mich rechts, dann bin ich in Kürze in dem Örtchen Vogelbeck. So weit von Fredelsloh ist es ja nicht, in noch gar nicht so lang vergangenen Zeiten sind viele Fredelsloher jeden morgen über die Ahlsburg gewandert, um zu arbeiten in Einbeck oder dort auf dem Markt zu verkaufen, um abends wieder zurück zu kommen.

Nun fand ich in den Bibliotheksbeständen der Alten Schule in Fredelsloh ein altes Heimatbuch (so der Untertitel) über Vogelbeck von Wilhelm Körber und dortselbst folgende Geschichte(n) über die Spinkelsgrund bei Vogelbeck. Da die Entfernung zu meinem neuen Heimatort ja nicht allzu groß ist, vermute ich, dass auch hier rings um den Fredelsloher Strahlenkamp, dem Hainberg und der Klosterquelle sich ebenso viele alte Wesen herum getrieben haben wir dort in der Sprinkelsgrund. Daher gebe ich diese Geschichte hier gerne einmal weiter.

(Übrigens erzählte mir heute ein Wind auf der Weper, dass die Nixen eigentlich gar nicht grausam und tückisch waren, und dass man eigentlich nur mit einer Flöte mitspielen bräuchte zu ihrer Musik, dann würde einem nichts geschehen. Im Gegenteil, man konnte am Nixenfeste teilhaben, und tanzen und flöten und fröhlich sein. Nicht zuletzt spielte auch Pan auf einem Schilfrohr. Hirten mit ihren Hirtenflöten wussten solcherart von je her. . .)


Die Spinkelsgrund bei Vogelbeck

Vorzeiten, so erzählen uns unzählige Sagen, war unser Land überall von Riesen, Zwergen, Elfen, Nixen und anderen rätselhaften, längst verschollenen Wesen bewohnt. Menschen sind erst später eingewandert und haben dann durch ihre Vermehrung und Ausbreitung jene Ureinwohner immer mehr zurückgedrängt und ihre Ausrottung beschleunigt  -  ähnlich wie jetzt in Amerika, wo die Indianer vom gleichen Schicksal betroffen sind.

In Erdhöhlen und unzulänglichen Felsklüften der Wälder suchten jene Urbewohner lange Zeit hindurch sich den Nachstellungen der Menschen zu entziehen, bis dann endlich ihrem irdischen Dasein ein Ziel gesetzt wurde, indem sie gänzlich ausstarben, und heute nur noch alte Sagen von ihrem Dasein Kunde geben.

In jenen alten Zeiten haben sich, so geht die Sage in Vogelbeck, denn auch Zwerge in einer Höhle der Spinkelsgrund bei Vogelbeck aufgehalten. Daß diese Erdgeister gerade die Nähe von Vogelbeck als Zufluchtsstätte sich ausersehen hatten, spricht eben für den gutmütigen und friedliebenden Charakter der Leute in Vogelbeck, auch in alter Zeit; denn immer haben Zwerge  -  wie die Sagen übereinstimmend berichten  -  die Nähe schadenfroher und böswilliger Menschen gemieden.  -  Im Gegensatze zu unholden Wesen anderer Zwergarten, die heimtückisch und boshaft jede Gelegenheit wahrnahmen, dem von ihnen gehaßten Menschengeschlechte einen Schabernack zu spielen, sind die Zwerge der Spinkelsgrund harmlose und gutmütige Gesellen gewesen, die mit den Menschen ihrer Umgebung im besten Einvernehmen gelebt und oft ihnen in ihren Nöten und Plagen Beistand geleistet und ohne Vorwissen der von den Zwergen so hülfreich bedachten Leute. Denn niemals ist es vorgekommen, daß Zwerge bei hellem Tage menschliche Wohnstätten betreten haben. In ihrem Wesen lag es, daß sie den Menschen in der Regel auswichen und sich auch wohl durch die Nebelkappe (Tarnkappe) ihnen unsichtbar machten. Zur nächtlichen Stunde aber schlichen sich die guten Buckelmännlein oft in die Werkstatt der Menschen und räumten hier mit viel Fleiß und Geschick unter den zur Fertigstellung harrenden Arbeiten auf  -  zur Freude des am Morgen erwachenden Meisters. Für fleißige und artige Kinder hinterließen sie außerdem nicht selten Nüsse und andere Waldfrüchte, auch wohl allerlei niedliche Spielwerkzeuge. Auch dem Bauer halfen sie in gleicher Weise bei der Feldarbeit. Und mancher, dem solche willkommene Zwerghülfe widerfuhr, war dankbar dafür und legte Erbsen, Brot, Eier und Milch am Eingange der Zwerghöhle nieder.

Während also in tiefverborgener Höhle am oberen Ende der Sprinkelsgrund Abkömmlinge eines gutmütigen Zwerggeschlechts ein geheimnisvolles Leben fristeten, barg zu gleicher Zwit die Sprinkelsgrund noch eine weitere Siedlung wunderseltener Erdgeschöpfe. Tief unten im Eingange der Schlucht lag  -  nach Aussage längst Verstorbener aus Vogelbeck  - ein stiller, tiefgründiger Weiher. Dichtes Weiden- und Erlengebüsch umsäumte die Ufer, und ringsum flüsterte es geheimnisvoll in den graublättrigen Erlenbäumen. Zuweilen drang auch leiser, wunderbarer Gesang und Harfenklang aus dem Gebüsch den glatten Wasserspiegel herüber. In den stillen Wasserfluten vergnügten sich Silberfische im Wettschwimmen, und erhoben Teichfrösche in lauen Frühlingsnächten ihre Kehlen zu vielstimmigen Froschkantaten. Und in mondhellen Nächten brodelte und gluckste es unheimlich in der Tiefe des Weihers und  -  schöne Jungfrauen in silberschillernden Gewändern, langbärtige Männlein mit grünen Zähnen und grünem Hut und goldlockige Knaben mit rotem Käpplein auf dem Haupt entstiegen dem Wasser und vereinigten sich unter den Erlen zu Tanz und Gesang. Dazu erklang sanftes, wundersames Saitenspiel. Das war der Mondreigen der Wassernixen!

Heute ist der Weiher mit seinem Zauber längst verschwunden, und ein Sumpf befindet sich an seiner Stelle. Statt der Erlen ragen hohe Pappeln auf, unter denen nicht mehr Nixen tanzen, sondern zeitweilig wanderndes Zigeunervolk sein Lager aufgeschlagen hat. Man erzählt, daß unsere Vorfahren den Weiher einst zugeworfen und eingeebnet hätten aus dem Grunde, weil er ihnen nur Unglück gebracht habe, indem die Nixen alle, die sich ihnen näherten, um ihrem Gesange zu lauschen, grausam und tückisch zu sich in die Tiefe des Weihers hinabzogen.

Wie aber steht es heute um die Zwerge und Nixen der Sprinkelsgrund? Sie sind längst verschollen, als die letzten Zeugen ihres Geschlechts. Doch in Sagen und Erzählungen leben sie fort  . . .




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