Sonntag, 14. September 2014

Waldgang






Waldgang




„Der Dichter ist ein Wanderer durch die Zeit,
 er hebt ein paar Gegenstände vom Wege auf,
 deren Nähe ihn berührt, die seinen Weg erst
 zur Reise machen; das, nicht mehr, ist Kunst.“

Adolf Muschg


Wieder einmal war ich unterwegs, zu Fuß in den Wald, mit dem Bewusstsein, eine Liebe verloren und Gedichte gewonnen zu haben. Doch ist die Seele weit davon entfernt, hier Soll und Haben aufzurechnen. So hatte es doch auch damals begonnen, als das erste jugendliche Liebesweh sich ungeschickte Verse verfasste, nur, um nicht die Fassung zu verlieren. Zuerst die Fassung über den Verlust der Liebsten, dann über das Bewusstsein, in eine brüchig gewordene Welt geworfen zu sein, in der das eigene Leid nur Teil eines weitaus größeren und umfassenderen Leides ist. Nun liegt das lange zurück. Dass die Lesung im Waldviertel mit den Worten endete: . . .

„Nach den Stürmen des Meeres
 die wogenden Wälder,
 die Sternglanzwiesen der Lichtungen,
 deren Blüten den Wanderer begrüßen.

 Wie ich meine Heimstatt erspüre
 in einer Geborgenheit,
 wie sich hier
 meine Seele zu weiten vermag.“

. . . das war da wohl eine Vorahnung.  Ausgerechnet eine gemeinsame Lesung mit dem Titel „Meer  -  Das Meer in mir“ endete so.

Oft wird das kommende Neue von einem Buch begleitet. So war es auch dieses Mal für mich. Kurz vor der Abreise vom Kleinen Paradies noch einmal ein Griff auf das Bücherbord, in dem die zu verschenkenden Bücher standen. Die Fahrt würde lang werden, und so war eine Reiselektüre erwünscht. Es war ein kleines Büchlein mit dem Titel „Literatur als Therapie? – Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare“ von Adolf Muschg, welches mir in die Hände fiel. Zuerst las ich, im Zugabteil sitzend, nur zögerlich darin, dann, je weiter ich kam, anteilnehmender. Zum Ende hin wurde ich immer hellhöriger, hieß es schließlich dort: „Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben. Aber sie haben nicht einen Weg. Kunst – oder Literatur – ist keine Therapie, aber sie macht Mut dazu, den Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen. Die Therapie ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie. Beide arbeiten am Gleichgewichtssinn einer sich selbst bedrohenden Menschheit. Aus beiden ist die Einsicht zu schöpfen, daß Überleben erst dann keine Sorge mehr sein wird, wenn wir leben gelernt haben.“ Bis das Buch an diesem Satz angelangt war, wurde unter anderem beschrieben das Unheilbare, welches der Dichter „nur“ beschreiben kann, denn Krankheit ist kein Fall für ein Individuum, sondern das kranke Individuum ein stellvertretender Ausdruck für eine erkrankte Gesellschaft.

Auch die Herkunft des Dichters aus dem schamanischen Handeln für die Gesellschaft wurde beschrieben, und vieles mehr. Dass es zudem noch die Ereignisse der Jahre anfangs der Achtziger anriss, „Zürich brennt“ sei hier nur ein Stichwort, einer Zeit also, wo auch ich Teil der „Jugendrevolte“ war und meinen langen Weg begann, machte es nur um so wertvoller für mich. Und: Da der Autor von seinem Werdegang als Dichter berichtete, also das Subjektive in den Schilderungen nicht ausblendete, war ich mit einem Male wieder bei meinem eigenen Werdegang, erinnerte ich mich meiner Jugend, als ich nichts anderes als „Dichter“ werden wollte, und schon als Sechszehnjähriger kaum anderes tat als Lesen oder selber Schreiben.

Doch im Unterschied  zu dem genannten Autor wollte mein Schicksal etwas anderes mit mir: Mit siebzehn Jahren wurde ich „der Welt“ endgültig überdrüssig und wollte °aufs Land“. Wollte das Leben unmittelbar und nicht aus zweiter (schreibender und geschriebener Hand) erleben. Da ich nun nicht gerade mit handwerklichen Gaben gesegnet war, entschloss ich mich, Gärtner zu lernen als Rüstzeug für späteres Landleben. Als ich dann eine Lehrstelle hatte, übereignete ich alles bis dahin Geschriebene der Mülltonne, sehr zum Entsetzen eines Freundes, der meine Gedichte schätzte. Doch ich wollte das Leben in seiner Gänze und nicht nur als Papier, und ich entschloss mich erst wieder zu schreiben, wenn ich denn gelebt hätte, ergo, etwas zu schreiben hätte.

Seitdem sind ziemlich genau vierzig Jahre vergangen. Mein Weg führte mich, wie gewünscht, aufs Land, dann wieder in die Stadt, dann an den Rand der Stadt in mein KleinHäuschen, bis ich schließlich auch dieses aufgeben musste und ich mich entschloss, mich im Solling, in Fredesloh, dem Töpferdorf, nieder zu lassen. Dort beginne ich gerade anzukommen. So erschließe ich mir meinen neuen Wohnort, die Menschen des Dorfes, und auch die Umgebung.

Es gibt dort viel Wald, und es war gerade Anfang September. Pilzzeit. So lenkten mich meine Schritte immer wieder in den Wald, und während ich dort verweilte, zogen die Gedanken durch meine Seele, gepaart mit Erinnerungen. Erinnerungen an meine Kindheit, in welcher der Wald eine bedeutsame Rolle spielte; an meine Jugend, an meine ersten Gehversuche in Richtung Landleben und die Wiederkehr des Dichters in mir zogen während des geruhsamen Gehens und Sammelns an mir vorüber. So wurde aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein in sich verflochtenes Band.

Zum Forsthaus ist es gerademal eine halbe Wegstunde, und dahinter beginnt der Wald. Genauer beginnt er schon etwas vorher, doch da ist es noch kein richtiger Wald, sondern eine an Weiden endende Vorstufe dazu. Noch genauer ist es auch kein Wald, der dort beginnt, sondern ein Forst, ein Nutzholz lieferndes Baumanbaugebiet. Doch für mich Stadtflüchtling ist es Wald, nicht mehr und nicht weniger als das. Laut warnte der Eichelhäher, der Hüter des Waldes. Sein „rätsch  -  rätsch“ ist weithin zu hören, und es bedeutete: „Es kommt ein Fremder“. In der Landschaft rund um meinen Garten am Rande der Stadt, aus der ich komme, warnte der Eichelhäher nicht mehr, sondern flog still vorbei, wenn ich erschien. Ich gehörte für ihn zum Inventar, zum friedlichen Inventar der Umgebung. Doch in diesem Wald bin ich noch neu, und es ist vor mir zu warnen.

Den mit Schotter befestigten Weg, der zum Forsthaus führt und daran vorbei, verließ ich nach kurzer Zeit. Es gehen weitere Waldpfade rechts und links ab, begrünt und verwunschen bewachsen. Hier kommt man nicht weit. Mal ist es das Auge, welches den Wanderer aufhält, zum Beispiel wenn das filigran ziselierte tief orangefarbene Gebilde einer Pilzkoralle auf einem Baumstumpf vor einem auftaucht. Davor stehe ich schauend wie gebannt. Dann ist es das Ohr, welches mich innehalten lässt: Ein kleiner Bach quert den Waldpfad, und er gluckst und plappert vor sich hin, dass ich ins Lauschen versinke. Schließlich ist es die Nase, die mich  zum Verweilen veranlasst. Bachminze ist als flüchtiges Aroma in der Luft zu spüren, oder ein süßer Anisduft von Pilzen, welche unsichtbar im Gewirr der jungen Fichten und Buchen leben.

So geriet das „Eigentliche“, die Pilzsuche, zur Nebensache. Außer man traf wieder auf einen wohlgestalteten Steinpilz, da hüpfte das Herz vor Sammlerfreude. Auch, wenn die Freude oft nur kurz währte, und sich das Fundstück als madendurchsetzt erwies.

Schließlich wurde auch der Waldpfad verlassen und die Wege verloren sich in den weichen Mooslandschaften zwischen den Stämmen. Das ist es doch: Solange durch die Forsteinsamkeit zu streifen, bis die Dinge ihre eigene Bedeutung bekommen. Dass in dem Augenblick, in dem der wie das Urbild „Pilz“ gewachsene Steinpilz auftaucht, die Wildgans über die Wipfel der Fichten streicht und mich ihren Rufen hinterher lauschen lässt, bis sich diese in der Ferne verlieren; das alles wird als ein geheimes Zeichen angenommen. Da öffnet sich dann eine Tür zum All-ein-sein, und eine Verbundenheit mit einer älteren Welt leuchtet auf. Da wird mir gewahr, dass neben den Lauten einiger kleiner Vögel, dem Bachgeriesel und den fliegenden Rufen der Wildgans  -  Stille herrscht.

Das Licht der Spätsommersonne wurde gefiltert durch die Baumkronen, zwischen den Stämmen kamen Lichtstrahlen und Schleier an, welche einen Zauber in die Gegenwart trugen und das Grün des Waldbodens vergoldeten. Zwischen diesem sanft illuminierten Grün und Gold war der Moosboden farbig gesprenkelt mit Täublingen und Stäublingen, mit Rotfußröhrlingen, Goldröhrlingen, Amethystträuschlingen, Fichtenreizkern, Trichterlingen und einer vielgestaltigen Zugabe von Märchengeschöpfen. Auch die „Männlein im Walde“, die mit dem knatscheroten Hut und den weißen Tupfen, waren hier zuhause und zeigten das nahende Ende des Sommers an. Dann das ungewohnte gelblichweiße Leuchten der Karbolegerlinge im Forst. Manchmal bildeten diese große Hexenringe, luden zum Tanze darin ein, und wenn die Wärme stieg zwischen den Stämmen, dann war ihr Duft weit spürbar, ein süßlicher Geruch, nicht einmal unangenehm aus der Ferne, mit jener Spur Anis. Erst wenn die Nase ganz an die dunklen Lamellen gehalten wurde, kam das „chemische“ Karbolaroma zum Tragen.

Unwirklich. So fühlte es sich an, in diesen Kreis einzutreten. Ein Schritt, und schon war man umgeben von den gelblichweißen Hutzelwesen, die in ihrer Art ja auch des Hexenwesens verdächtig sind, kommen sie doch über Nacht und vergehen fast genauso schnell wieder.

Ich spüre es, wenn mich der Wald umfängt und einnimmt, wenn mich die Innenseite der Welt einlässt. Die Außenseite ist besetztes Land, ist Asphaltband quer durch die Seelenlandschaft, auf dem sich laute Fahrzeuge bewegen, von „Explosionsmotoren“ vorangetrieben. Hart ist die Straße der Außenseite den Füßen, und harte Sohlen werden benötigt, sich dort zu bewegen, wenn man sich auf das Gehen auf eigenen Füßen beruft.

Trostlos und ganz Außenseite wurde der Forst da, wo die Motorsägentruppen und die großen Maschinen gewütet hatten, ein Schlachtfeld hinterlassend, tiefe Fahrspuren, wie von gepanzerten Kettenfahrzeugen. Wahllos kreuz und quer liegende größere Zweige und Äste, ganze Baumkronen, unbrauchbar als verwertbares Holz. Hier wurde sie sichtbar, die erobernde Außenwelt, auch wenn mit geschlossenen Augen die Landschaft nach Fichtenharz duftete. Das stete Motorenrauschen einer nahen Straße, in deren Nähe mich die Wege führten,  komplettierte das Arrangement der Trauer und Zerstörung. Es herrschte sicht- und hörbar die Ökonomie. Eine Ökonomie des schnellen Verbrauches.

Meine offene Wunde wurde für mich darin spürbar, darin, dass mir das alles sehr nahe ging, der Anblick der totenbleichen frischen Sägeflächen der Baumstümpfe, der Anblick der großen Äste, die Gerippen gleich den Waldboden bedeckten. Dann wurde ich unmittelbar in den Schmerz hineingestellt, einem Schmerz, der den Gedanken formen ließ: „Ich kann diese Erde nicht beschützen, zu klein bin ich da.“ Unteilbar als Mensch und doch Teil einer in ein düsteres Irren geratenen Menschheit.

Mein Menschsein ist hier heimisch und gehört dazu, ist wie die gefällten Bäume, wie der von den großen Rädern gemarterte Waldboden. Zwar weiß ich, dass es hier noch „zivilisiert“ zugeht, dass anderswo die Maschinen und die Verwüstungen größer, riesenhafter, sind. Ganze Flächen Waldes werden unwiederbringlich zerstört, anderswo. Doch hier sprach mich diese Verwüstung unmittelbar an, war sie für mich unübersehbar, greifbar, riechbar.

Ich vermag nicht zu „retten“, bin ich doch Teil des „zu Rettenden“ in so vielen Aspekten meines Seins. Ich habe mich auf die Seite der Wehrlosigkeit der Natur gestellt, das ist meine Kompromisslosigkeit. Meine Kraft, hier zu verweilen, entspringt meinem Dichten, meinem Schauen, meinem Gesang.

Das heißt nicht, hier einfach untätig zu bleiben, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Bin ich doch als Seiender und Handelnder „Mitläufer“. Es heißt, sich für das Erfahrene, das Geliebte einzusetzen. Dort zu wirken, wo ich beginne, Wurzeln zu schlagen oder dort, wo ich schon verwurzelt bin. Die zerstörerischen Tendenzen dieser Zivilisation nicht einzulassen in das tägliche Tun, sowie auch in dem Maße diesen Tendenzen entgegen zu wirken, soweit es möglich ist, und soweit es die mir gegebene Zeit zulässt. Das „einfache“ Leben sucht sich den ganzen Menschen, und das Einwirken in die „Materie“ von Hand, mit der Behutsamkeit, welche nur die Behandlung der Dinge diesen geben kann, das Begreifen der Dinge mit der Sensibilität der Fingerkuppen und Handflächen, all das hat seine eigene Vorstellung von Zeit.

In wie vielen Internetforen und auf wie vielen Demos tummeln sich wieder die politisch Allwissenden jeder Couleur. So viele Ausschließlichkeitsansprüche lassen sich gar nicht bedienen, wie dort postuliert werden. Doch ich weiß nicht, wohin es mit der Menschheit, der „Welt“ und der Zivilisation hingehen sollte. Die Vielfalt der möglichen Zukünfte ist unendlich. Nur für mich und für das, was mir gut tut, vermag ich zu sprechen. Dafür stehe ich ein, und das fasse ich so weit, wie es mir möglich ist. Zum Beispiel ist es mir ein Bedürfnis, in Gemeinschaft zu leben. Sowohl im engeren Sinne als Hausgemeinschaft, als auch im weiteren Sinne in einer Gemeinschaft in Dorf und Region.

Wenn ich mich der Landschaft hingebe, dem Haus, dem Garten, der Gemeinschaft, in der ich lebe, der engeren Gemeinschaft im Hof und der weiteren Gemeinschaft des Dorfes, wenn ich mich dort engagiere, dann bekommt politisches Handeln ganz von selbst eine andere Dimension, jenseits der Statistiken und der politischen Maximen. Schaue ich hin, was mit den großen Entwürfen der Menschheitsgestaltung und  Menschheitsbeglückung geschehen ist, den internationalen, nationalen, „sozialen“, Kultur- und anderen Revolutionen, so sehe ich: Immer endete es mit Guillotinen, Massakern, Gulags, Konzentrationslagern. Und immer waren es Menschen, ähnliche Menschen wie ich, die dort geköpft, erschossen, vergast wurden oder in den Verließen verrotteten. Nicht zuletzt in unserem Lande fand vor gar nicht so langer Zeit ein großer Versuch statt, mittels der Ausgrenzung und Vernichtung von „krank“ empfundenen „heil“ zu werden als großes Ganzes, in diesem Falle als Volkskörper. Wie viele riefen „Heil!“ oder sogar „Sieg heil!“ und es war ihnen egal, dass ihnen auf dem Wege in dieses Heil das Mitgefühl für die Geschöpfe abhandenkam. Da gefallen mir die Sätze von Adolf Muschg weitaus besser, dort, wo er schreibt, dass es etwas individuell Unheilbares gibt, welches angenommen werden möchte, da es der Heillosigkeit des gegenwärtigen Zustandes der Zivilisation und der Erde entspricht. Das heißt nicht, in der Untätigkeit zu verharren, wie schon gesagt.

Es gibt überall genug zu tun. Welches von dem, was getan werden muss und darf, meinem Wesen entspricht, wird sich zeigen. Noch bin ich im Stadium des Ankommenden und Anklopfenden und habe mich verhalten zu zeigen. Noch beginnen die Menschen und Wesen hier, mich kennen zu lernen, und ich sie; und noch warnt der Eichelhäher, wenn ich in „sein“ Revier trete. Zu Recht, denn noch bin ich fremd. Doch ein Anfang ist gemacht, so wie ich mit einigen Menschen im Ort gesprochen habe, so wie ich oberhalb des Dorfes beglückt eine Fläche entdecken durfte, auf welcher Enzianblüten tiefblau aus dem Grün der Gräser schauten, so wie ich mit dem Sammeln der Pilze und Früchte der Landschaft beginne, sozusagen damit beginne, mir die Landschaft einzuverleiben. So werde ich hier mehr und mehr ansässig.

Ich glaube nicht, dass die „meisten“ Menschen  in der Art zu leben vermögen, oder diese gar mögen, die ich lebe. Sie würden es als Verzicht empfinden, da sie die Habenseite nicht kennen. Zu weit lebe ich mit einem Teil von mir „draußen“, und es war kein leichter und fröhlicher Prozess, die Türen dorthin zu öffnen, eine um die andere. Durch jede dieser sich öffnenden Seelentüren kam Empfindung herein, Schmerz, Leid, Trauer  -  all das wollte angenommen werden, genauso wie die angebliche Langeweile der Tätigkeiten, ihre Reizlosigkeit, verglichen mit dem, was die Unterhaltungsindustrie an Nervenkitzel bietet. Das stille Glück lässt sich nicht kaufen, es lässt sich auch nicht als „Kick“ am Ende eines Marathonlaufes erhaschen. Es kommt auf leisen Sohlen, und unvermittelt, beim Lauschen des Schreies der Wildgans, während Staubteilchen und kleine Insekten in den Lichtstrahlen zwischen den Stämmen tanzen, ist es da. Unteilbar in der webenden Welt. Gegenwart.

Ich selber muss auf dem Lande leben, um mich wohl zu fühlen. Ich habe es mit der Urbanität versucht, sie macht mich krank. Sie beeinträchtigt mein körperliches Empfinden in einer Art und Weise, die einer seelischen Lähmung gleichkommt. Zu viel ist es, was dort auf mich einstürmt, zu weit offen meine Seele, als dass sie das alles verarbeiten könne. Ich brauche die Stille der Wälder. Es ist ganz einfach: Ich bin dem Stadtbeat nicht gewachsen. Nicht dafür gewachsen. Also muss, kann und darf ich hier wirken. Ein jede, ein jeder hat dort zu wirken, wo sie oder er lebt, dort ist in die Polis hineinzuwirken. Meine Entscheidung für das Landleben enthält keine Wertung des urbanen Lebens. Ich möchte das eine gegen das andere nicht ausspielen. Bei so vielen Menschen, die diesen Planeten bevölkern, ist eine gewisse Urbanität unumgänglich. Die Frage ist, wie wir sie gestalten, und wie wir den Flow von Stadt zu Land und umgekehrt hinbekommen. Vernetzung statt Abgrenzung und Kampf. Es ist wie mit allem: Die Schlüssel heißen Kommunikation, Austausch, Vernetzung.

Immer noch bewegte ich mich durch die Buchen- und Fichtenräume, atmete den Duft des Fichtenharzes und der Moose ein, lenkte den Blick auf den Waldboden, nicht vergessend, dass ich trotz allem hier war, um Pilze zu sammeln. Die meisten Steinpilze waren groß und am vermodern, hier kam der Sammler eine Zeit zu spät, um zu ernten; und auf den Baumstümpfen tauchten Sparrige Schüpplinge auf, Hallimasch und Stockschwämmchen, als Zeichen, dass sich die Jahreszeit wandelt und eine andere Saison beginnt. Es begann sich eine leise Melancholie in das Erleben zu mischen, eine nicht unangenehme mahnende Abschiedsstimmung. Vielleicht trug diese dazu bei, neben den Gedanken an das Gelesene in dem kleinen Büchlein von Adolf Muschg, dass meine Gedanken „endzeitlicher“ gestimmt waren. Um das Leid der Erde lindern zu helfen, muss ich erst einmal auf ihr ankommen. Muss mich einfügen in ihre Rhythmen, in den Kreis ihrer Wesen, in ihren Kreis des Werdens und Vergehens. Muss ich mit den Wesen leiden, denn nichts anderes heißt „Mit-Leid“: Die Stimmung der Zeit erspüren, auch die Schwingungen der Zerstörung, welche unsere menschliche Zivilisation anrichtet, und welche die Pflanzen und Tiere und all das, was in der „Umwelt“ lebendig ist, sehr wohl erfühlen. Solange ich mich dem verschließe, mich dagegen panzere, bin ich noch außerhalb des lebendigen Kreises.

Dieses „Mit-Leid“ ist auf eine Art unheilbar. Es gehört in dieser Zeit zum lebendig sein dazu. Wer meint, er oder sie hätte hier eine fröhlichere Botschaft verdient vom Dichter, oder eine frohe Botschaft gar, der oder die weiß noch nichts von der Innenseite der Welt, dem einfachen Genügen in der Gegenwart, dem stillen Glück aller Geschöpfe der Erde, die „nicht säen und nicht ernten“. Auch dieses stille Glück ist unteilbar und unheilbar.



-  Die anderen Seiten II / 5  -

Kommentare:

  1. Ein Text von meinen Innentexten. Ja, das und das Waldwandern. Leben und Erleben und Mitleben mit allem, nicht zuletzt im menschlichen Mit-Gefühl. Hab Dank dafür!

    AntwortenLöschen
  2. Ich danke Dir für diesen Kommentar. Dieser Text ist so etwas wie eine Essenz meines Tuns und Denkens und Fühlen. Ein sichöffnen.

    AntwortenLöschen